“Die Frage ist, wie sehr man eintaucht oder am System kratzt.”

Kann man wirklich gute Kunst schaffen, wenn man das als Beruf macht? Lucie Mohme im Gespräch mit den Regisseurinnen Anja Jemc, Cosmea Spelleken und Christina Tscharyiski. Einblicke in eine Branche, in der Stühle geschmissen werden.

Anja Jemc, Cosmea Spelleken und Christina Tscharyiski © Luca Wellenzohn

Bohema: Was sind momentan die größten Herausforderungen in eurem Beruf?

Christina Tscharyiski: Für mich ist das Herausforderndste gleichzeitig das Schönste an dem Beruf: man hat die Schlussverantwortung für sehr viele Menschen. Und dass sehr viele Synergien und Energien in einem Raum und darüber hinaus zusammenkommen.

Anja Jemc: Ich schließe mich da an: die Verantwortung alles zusammenzuhalten. Also sowohl die spielerischen Vorgänge als auch die künstlerischen Entscheidungen tragen am Ende die Handschrift von dir und deinem Team.

Cosmea Spelleken: Ich spüre gerade starke Kürzungen. Viele Theater kommen auf einen zu und sind so: Wir haben leider Budgetkürzungen. Und das nicht nur bei einem Projekt, sondern auch bei den Gagen. Ich denke dann: haha, Inflationskosten. Noch dazu arbeite ich ganz viel mit Video. Das ist per se teuer.

Bohema: Wo befindet ihr euch gerade auf der „Reise“ als Theaterregisseurin? Wie war eure Ausbildung? Wo seid ihr jetzt?

AJ: Auf dem Papier bin ich noch in Ausbildung. Mit 15 oder 16 hat mein Interesse für Regie begonnen. Und davor habe ich Kinderrollen am Landestheater Linz gespielt. Ich war dort drei Jahre lang Regieassistentin und hatte das Glück, dass ich somit schon vor dem Studium eine erste Inszenierung machen durfte. Jetzt absolviere ich mein letztes Semester der Regieausbildung und nächste Spielzeit geht es weiter.

CS: Ich bin zufällig ins Theater reingerutscht und komme eher vom Film. Aber Theaterregie wird gerade zu dem Beruf, mit dem ich meinen Lebensunterhalt verdiene. Denn ich möchte mitspielen in dieser Welt und merke, dass ich darin besser werde.Ich will mir bewahren, mein eigenes Ding zu machen. Die Frage ist, wie sehr man eintaucht oder am System kratzt.

CT: Ich habe auch eine Kindertheater-Erfahrung gemacht. Ich stamme aus einem eher kunstfernen Haushalt und wusste trotzdem, dass ich ans Theater will. Ich wusste aber nicht genau, wie man das macht. Und dann habe ich angefangen, Theater-, Film- und Medienwissenschaft zu studieren. Mit 20 war ich Hospitantin unter anderem am Rabenhoftheater in Wien. Mit 24, also 2013, durfte ich meine Abschluss-Inszenierung machen. Danach ging ich weiter über Assistenzen am Burgtheater und bei den Salzburger Festspielen. Ich habe immer weiter kleinere Inszenierungen gemacht, bis eine so richtig gezündet hat.

Bohema: Christina, bei dir kam es auch über verschiedene Auszeichnungen zu einem Riesenerfolg. Wie wichtig ist diese Art von Sichtbarkeit für den Einstieg in den Regieberuf?

CT: Genau, 2017 habe ich einen Text von Stefanie Sargnagel inszeniert. Das war ein Überraschungserfolg, mit dem niemand gerechnet hatte. Die Autorin und die Band haben damals von deutschen Medien sehr viel Aufmerksamkeit bekommen. Festivaleinladungen und solche Sachen. Alles, was irgendwie Sichtbarkeit erzeugt, ist total wichtig.

Bohema: Wie sieht es mit dem Thema künstlerische Freiheit im Regieberuf aus?

CS: Für mich ist es die Frage: Kann man wirklich gute Kunst machen, wenn man das als Beruf macht? Ich habe vielleicht alle fünf Jahre eine wirklich gute Idee – und das ist schon viel, meiner Meinung nach. Oft hadere ich damit, inwiefern Kunst und Kultur am Ende auch einfach Unterhaltungsprodukte sind. Es ist für mich ein Riesenproblem zu merken, dass ich langsam, aber sicher anfange, Produkte zu machen. Eigentlich möchte ich Menschen wirklich tiefgreifend berühren. Das klingt so kitschig, aber ich möchte eben irgendwas anstoßen auf der Welt.

CT: Ich frage mich auch, wie man mehr Gestaltung betreiben kann? Wie kann man mehr, wie kann man weniger in diese Dienstleistungsposition gebracht werden? Am Ende ist es politisch, Frau und Regisseurin zu sein. Wem stelle ich meine Arbeitskraft zur Verfügung? Wo spielt das rein? Will ich, dass gewisse Leute davon profitieren? Es istunserer Marke, die wir uns erarbeitet haben, seit zehn Jahren, mein Team und ich, die Autorinnen, die wir an die Häuser bringen sowie die Themen, die wir sichtbarer machen wollen.

Bohema: Wenn du das jetzt so hörst, Anja, welche Gedanken machst du dir dann um deine eigene berufliche Zukunft?

AJ: Es ist spannend, das von Euch zu hören, da ihr schon ein bisschen länger im Beruf seid. Mich beschäftigen jetzt schon dieselben Themen. Schon in der Ausbildung geht es um Handschrift, also um Regie als Marke: Welche Ästhetik ist das? Wie sieht das aus? Wie klingt das? Was bekomme ich, wenn ich sage, der Abend ist von Anja Jemc. Wie komme ich vor in dieser Kunstwelt? Man muss aufpassen, dass einen das in der Weiterentwicklung nicht abschreckt. Aber am Ende bin ich die Summe meiner Einzelteile. I happen to study Regie right now. Egal ob Mann oder Frau - wahrscheinlich als Frau noch mal mehr - aber du musst dich halt wirklich immer wieder vorstellen, dranbleiben und aktiv sein.

Bohema: Welche Herausforderungen stellt das Thema Regiehandschriften bei euch? Cosmea, deine Produktionen sind oft ein besonderer Mix, was Räume, Videotechnik und Interaktion angeht. Inwiefern ist das Teil deiner Handschrift?

CS: Bei mir geht das stark in die Regiehandschrift rein. Vielen Dramaturgen schmeckt das gar nicht. Es ist ihnen nicht intellektuell genug oder zu sehr ‘einfach die Geschichte erzählt’. Ich mache das für das Publikum so und es sind aber die Dramaturgen, die mir den nächsten Job geben. Das sind Strukturen, die es einem oft nicht leicht machen, frei zu arbeiten.

CT: Bei meinen Arbeiten ist das Format meistens sehr demokratisch. Es sind die Themen, für die ich auf künstlerische Weise einstehen will – immer feministisch und meist aus der Perspektive einer Arbeiter*innen-Klasse heraus erzählt. Ich habe da ein sehr großes Glück im Rabenhof, denn sie sagen: macht bitte, was ihr wollt. Wir können einfach mit den Leuten frei arbeiten, mit denen wir wollen.

Bohema: Anja, welche Erwartungen hast du an deine Zukunft als Regisseurin? Christina, was waren deine Erwartungen undwürdest du jetzt etwas anders machen?

AJ: Diese Frage stellt sich jetzt vor dem Abschluss total. Wenn man glücklich und gesund von diesem Beruf leben kann, ist schon mal viel gewonnen. Für mich stellt sich erstmal gar nicht die Frage, ob ich auf eine große Bühne will. Das ist für mich zweitrangig. Klar hat man dann mehr Kohle und mehr Publikum, das ist natürlich schön. Aber kann es nicht genauso erfüllend sein, an einem kleineren Theater zu arbeiten und mit Konditionen, die zu mir passen. Jedenfalls will ich auf meine Gesundheit und die meines Ensembles suchten. Schon in der Ausbildung muss man lernen mit Leistungsdruck umzugehen und sind z. B. Körperbilder ein Thema.

CT: Es ist immer viel wichtiger, mit guten Menschen zusammenzuarbeiten, als auf Prestige zu gehen. Darauf habe ich am Anfang nicht geachtet. Ich habe mich damals eher für die größeren Häuser entschieden. Ich weiß nicht, ob das ein Fehler war. Es hat sicher dazu beigetragen, dass ich so arbeiten konnte, wie ich gearbeitet habe und dass ich von anderen engagiert wurde. Aber das mache ich jetzt nicht mehr so. Es ist mir wichtig, für wen ich arbeite.

Bohema: Inwiefern hängt das mit den patriarchalen Strukturen des Systems zusammen?

CT: Frau sein ist politisch.Künstlerin sein, ist in unserer Welt ein bold move. Als Regisseurin ist alles ein Statement – egal ob privat oder beruflich. Man sollte nicht nur dankbar sein, da arbeiten zu dürfen. So nach: Ah cool, ich darf zwei Wochen proben, wow, super. Sondern einfach auch zu wissen: Ich habe schon was zu erzählen. Das patriarchale Denken, wie man es als Frau und Künstlerin eingeschrieben hat, abzulegen, ist ein ewiger Kampf.

Bohema: Wie ist das, mit dem patriarchalen Stereotyp vom Regisseur konfrontiert zu sein? Was macht das mit dem Beruf?

CT: Einfach verändern! Wirklich permanent und die ganze Zeit etwas anderes machen. Als ich in den Beruf eingestiegen bin, gab es noch Regisseurinnen sehr alter Schule, wie etwa Andrea Breth und Barbara Frey. Die haben sehr, sehr viele männliche Attribute an den Tag gelegt. Als ich die Stefanie-Sargnagel-Inszenierung gemacht habe, war ich schwanger. Jetzt arbeite ich seit neun Jahren mit Kind. Da stellt sich mir die Frage, wie geht es weiter? Denn das viele Unterwegssein gehört dazu. Ich wohne zwar auch in Wien, aber lebe hauptsächlich in Deutschland und bin einfach immer, wenn ich arbeite, weg von zu Hause. Diese Struktur beeinflusst Care-Arbeit, eine doppelte Haushaltsführung, finanzielle Sachen – hätte ich nicht meine beiden Eltern, könnte ich meinen Beruf nicht ausüben. Sie leisten unbezahlte Care-Arbeit im Ausmaß eines Vollzeitjobs.

CS: Was du beschreibst, ist mir fern. Ich habe keine Kinder und würde nicht sagen, dass wir eine unterschiedliche Generation sind. Aber diese vier, fünf Jahre dazwischen, die sind krass. Für mich ist es eher so: Wenn ich keine Frau wäre, hätte ich die letzten Jahre nicht inszenieren können. Ich habe das Gefühl, davon gerade extrem zu profitieren. Manchmal nervt es mich sogar ein bisschen, wenn ich das Gefühl habe, ein feministisches Interview geben zu müssen. Denn manchmal möchte ich einfach über Kunst reden. Aber ihr habt da krass was vorgeleistet, worauf wir jetzt extrem stolz sind. Also, thank you very much.

CT: Macht euch keine Sorgen, der Backlash ist eh da. Das kommt alles zurück.

CS: Ich frage mich oft, ob ich eingeladen werde, nur damit es noch eine junge Regisseurin gibt, die ein weibliches Thema bearbeitet. Ich höre oft: Wir hätten gerne, dass du was von einer Autorin machst. Aber ich würde lieber Fitzgerald machen. Und es ist schon wichtig, dass Frauen auch Frauenstimmen vertreten. Aber ich denke mir auch: who cares, I don't. Ich würde gerne mehr über das dahinter sprechen.

AJ: Als Regieassistentin habe ich erlebt, dass, wenn irgendwann nichts mehr geht, der Regisseur dem Schauspieler einfach mal einen Stuhl nachschmeißt. Darauf habe ich keinen Bock. Das mache ich nicht. Ich bin glücklicherweise nächste Spielzeit schon gut unterwegs und habe Engagements. Ich bekomme auch bei Erfolgen oft vermittelt, dass ich als Regisseurin weniger Wert sei. Da heißt es dann von männlichen Mitbewerbern: Ah toll, ich freue mich über deinen Erfolg. Aber nach dem dritten Bier heißt es dann: Ja, aber du bist halt auch eine Frau. Und das ist so daneben! Sie implizieren mit diesem Kommentar, ich hätte den Studienplatz oder einen Job nur bekommen, weil ich eine Frau bin und dass sie eigentlich geeigneter wären.

Bohema: Wie wirkt sich diese strukturell patriarchale Diskriminierung auf die Bewertung eurer künstlerischen Arbeit aus?

CS: Ja, das passiert auch. Also, don't get me wrong, aber wir reden jetzt hier auch seit einer halben Stunde darüber, wie es ist, als Frau Künstlerin zu sein. Mich interessiert das eigentlich gar nicht so sehr! Ich möchte nicht schon wieder ein Interview nur zum Thema Feminismus führen, sondern würde lieber über Stoffe oder Geschichten sprechen. Ich möchte über das sprechen, was Theater kann und nicht darüber, was ich als Frau im Theater kann. Feministische Stücke lehne ich oft ab, denn es interessiert mich inhaltlich nicht so sehr. Ich musste damit nie strugglen – zumindest nicht bewusst. Und dann kriege ich die Jobs nicht.

CT: Ich finde, es ist auf jeden Fall ein Thema, weil es prozentual noch immer so viel weniger Künstlerinnen als Künstler gibt. Aber als Regisseurin würde ich sagen: dem Publikum ist das wurscht. Die gehen in den Abend hinein, ob sie gut sind oder schlecht, ob sie es interessiert oder nicht.

CS: Ja, aber ich glaube auch, das wird sich in den nächsten Jahren echt nochmal ändern. Wir wachsen jetzt nach.

CT: Aber wir haben die Boomer, die nach dem alten Rollenbild Regie machen noch immer. Die Boomer bleiben noch 10 Jahre.

CS: Ja, aber in 10 Jahren ist ja nicht so viel Zeit.

CT: Naja, für mich schon – in 10 Jahren bin ich 47.

CS: Das ist ja genau richtig, die künstlerische Leitung an einem Haus zu übernehmen, wenn die ganzen Boomer gehen.

Anja Jemc (*1999) hatte im Jänner 2026 mit ihrer Diplominszenierung “Villa Dolorosa / Drei missratene Geburtstage” von Rebekka Kricheldorf Premiere. Zuvor inszenierte sie als Klassenzimmertheater des Landestheaters Niederösterreich einen Text nach Johann Wolfgang von Goethes berühmten Briefroman: die Uraufführung von “Lottes Werther”. Im Sommer 2026 wird sie ihr Studium abschließen und startet ab der Spielzeit 26/27 mit weiteren Projekten durch.

Von Cosmea Spelleken (*1995) kann man gerade am Münchner Residenztheater “Nach Mitternacht” nach Irmgard Keun sehen. In der nächsten Spielzeit wird sie nach ihrem online-Theater-Erfolg “werther.live” erneut Goethes “Die Leiden des jungen Werthers” inszenieren.

Christina Tscharyiskis (*1988) Produktion “Opernball” wird gerade am Rabenhoftheater Wien erneut gespielt. Vor kurzem hat sie “3 Schwestern” von Barbi Marković am Schauspielhaus Zürich inszeniert sowie Anja Hillings “Spiel des Schwebens” am Schauspiel Frankfurt. Demnächt beginnt sie mit den Proben für Thomas Bernhards “Theatermacher” am Schauspielhaus Zürich.

[Dieses Interview erschien bereits in der Bohema Printausgabe im März 2026]

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