Cumming-of-Age: Entromantisierung als Befreiung? Die Tücken des Heterofatalismus

Zwischen Hookup-Culture, Männerhass und feministischer Entromantisierung scheint für viele Frauen die romantische Liebe ihren Zauber verloren zu haben. Doch was, wenn die Absage an Beziehungen weniger Befreiung als Symptom einer tieferen Erschöpfung ist? Warum der Heterofatalismus zwar nachvollziehbar ist, am Ende aber genau jene patriarchalen Muster zu reproduzieren droht, gegen die er eigentlich antritt.

© public work

Seit ein paar Monaten fällt mir auf, dass meine Freundinnen und ich irgendwie in einer Art zweiten Pubertät stecken. Unsere Haut wird schlechter, wir entdecken neue Ambitionen, crushen wieder hart auf Harry Styles und wollen Sex haben - ganz ganz ganz viel. „Ich glaube, ich bin ein 16-jähriger Junge“, sagte vergangenen Winter die Mitbewohnerin meines besten Freundes über ihre neugewonnene Lust auf Sex. Er lachte laut auf, doch ich verstand es bis ins Mark. Womöglich ist diese Lust ein Auswuchs der klassischen Mitt-Zwanziger-Krise, ein Versuch, sich gegen Dating Fatigue und gesellschaftliche Unsicherheit zurechtzufinden - schöner aber klingt „sexual awakening“.

In popfeministischen Kreisen wird das sexuelle Verlangen heterosexueller Frauen häufig mit dem gleichzeitigen, vehementen Nicht-Wunsch nach einer Beziehung verbunden. Asa Seresin bezeichnete dieses Spannungsverhältnis 2019 als „Heterofatalismus“ und beschreibt damit die Resignation von Hetero-Frauen gegenüber heterosexuellen Paarbeziehungen. Dank Social Media wandelte sich dieser Frust hin zu einer aktiven Proklamation des weiblichen Single-Daseins, bei dem Hetero-Männer als unnötig und zu nichts mehr als für Sex (wenn überhaupt) zu gebrauchen dargestellt werden.

Seresin sieht darin mehr eine Performance als einen Akt der Selbstbestimmung. Ich hingegen sehe die schick ummantelte Gefahr, patriarchal-tradierte Verhaltensweisen salonfähig zu machen, die ja sonst eigentlich misogynen Männern vorbehalten war. Aber eins nach dem anderen.

Zweite Pubertät, erster Realitätsabgleich: Lust als Strategie

Dieser Impuls, mit absolut jedem ins Bett zu steigen, zu kuscheln, sich alle paar Minuten neu schockzuverlieben und dann den Samstagabend mit den Girls abzuhängen, sich in massivster Lautstärke von den neuesten ONS-Stories zu erzählen und Hinge-Matches zu vergleichen, als wären es Billigflüge nach Marokko, ist ungemein groß. Das Internet teilt diese Meinung. Frauen sind zunehmend lieber single und sexuell befriedigt [1] als in einer festen Paarbeziehung, in der man den Partner jährlich an den Geburtstag seiner eigenen Mutter erinnern muss. Dass also in meinem Freundinnenkreis und bei den unzähligen anderen Frauen der Wunsch herrscht, sich jenes zu nehmen, was Männer ohnehin die ganze Zeit tun (das, was sie wollen) ist nicht überraschend. Und was wollen Frauen? Eine gute Zeit haben, und dafür braucht es keine Männer mehr. Beziehungsweise: Wir werden opportunistischer mit ihnen.

Klingt fies? Nun ja, welcome to the female perspective.

Ich kenne keine Frau, die sich im Kontakt mit einem Mann nicht (entgegen der tatsächlichen Selbstwahrnehmung) früher oder später als verunsichertes Mäuschen erlebt hat. Oder der eingetrichtert wurde, sie sei anhänglich. Ich kenne einige Frauen, die aus den Halbsätzen ihrer Partner nicht schlau wurden, die die Verantwortung in der Kommunikation selbstredend stets auf sich genommen haben und dadurch in selbstschädigenden Interpretationsspiralen, nicht selten auch in tatsächliche Abhängigkeit abrutschten. Diejenigen, die unter der Maske des Heterofatalismus laut ihre Maneater-Phase oder das freiwillige Zölibat verkünden wehren sich gegen die andauernde Inszenierung als neurotisch, verklemmt, kompliziert, zickig, anhänglich, eifersüchtig [2] und „zu viel“. Kurz um: Frauen haben keinen Bock mehr, nach Liebe zu suchen. Nicht, wenn der Preis Abwertung und Mental Load ist.

So wundert es nicht, dass die Suche nach Verbundenheit zu einem anderen Menschen in heterosexuellen Kreisen als „Unannehmlichkeit“ erlebt wird. Besonders aus Perspektive heterosexueller Frauen ist das „sich auf jemanden einlassen” ein Akt, der wahrhaftig über Gut und Böse entscheiden kann. Während also in unserer Kultur das Finden eines geschlechtlichen Gegenparts vehement als sozialer und persönlicher Sicherheitsfaktor zelebriert wurde und wird (etwa bei Filmen wie „Ariel die Meerjungfrau“, bei der sie sich ihrer gesamten Identität entledigt, um beim dunkelhaarigen Dänen zu sein, oder bei den siebenhundert Kindern der Familie Bridgerton), gilt der Online-Diskurs um die explizit freiwillige Single-Frau als entsprechende Gegenbewegung. Romantische Unabhängigkeit dient als Schutzschild: vor emotionaler, physischer und wirtschaftlicher Ausbeutung.

Autonomie > Romantik?

Die Heterosexualität befindet sich in einem interessanten Spannungsfeld, irgendwo zwischen Selbstbehauptung und radikaler Abwertung. Das sexuell selbstbestimmte Ausleben romantischer Unabhängigkeit ist dabei aber keine linksprogressive, medien-woke Neuerscheinung. Es ist ein Auswuchs von Frustration.

Ich erkenne sie, wenn meine Freundinnen von ihrem sexuellen Geltungsdrang á la 16-jähriger Kerl berichten. Sie rührt von der Wut auf die Männer, die sie verletzt und benutzt haben, die nicht wussten, was sie mit ihrer Liebe anfangen sollten, und Wunden hinterließen, die noch Jahre nach der Trennung ihr Nervensystem zermartern. Ich erkenne die Angst, sich in jemanden zu verlieben und erneut in Abhängigkeit, Gewalt oder Unglück wiederzufinden. Der Heterofatalismus will dafür einen Space bieten, thematisiert jedoch nicht den gemeinsamen Nenner des Ursprungs all dieser Gefühle. Statt das patriarchale System, das unsere Beziehungen strukturiert, in den Mittelpunkt der Debatte zu rücken, zieht die popfeministische Revolte das Subjekt „Mann“ als Hauptverantwortlichen heran. Nicht ganz falsch, aber eben auch nicht ganz richtig.

Und genau darin liegt mehr Gefahr als emanzipatorisches Potential.

Der Heterofatalismus hat sich in den letzten Jahren stark von Resignation zu Bewegung weiterentwickelt. Die unterliegende Maxime: Heterosexualität sei ein Gefängnis, aus dem man (Frau) sich Prison-Break-mäßig befreien muss. Da Frauen seit geraumer Zeit eingetrichtert wird, sie seien ganz im Allgemeinen einfach nervig mit ihrer Liebe, reagieren immer mehr im Netz und im realen Leben darauf, indem sie sich demonstrativ ungebunden erklären - gegenüber Männern und der Heterosexualität im Ganzen. Heterofatalistische Ausformungen, wie die tausendfach geteilten „Männer lol“-Memes oder den breit diskutierten Vogue-Artikel mit dem wunderschönen Titel „Is having a boyfriend embarassing now?“ gelten in popfeministischen Kreisen als Artefakte einer performativen Revolte gegen die weitreichende Abwertung von Frauen und ihrer übermäßigen Gefühlsintensität.

Männerhass zwischen Meme und Manifest

„Men are trash“ schreit es aus meinem Feed, und selbst wenn ich das gelegentlich durchaus unterstreichen möchte und viele Posts auch sehr lustig sind, sehe ich in all dem eine emanzipierte Form der Radikalisierung.

Autorin Beatrice Frasl argumentiert in ihrem Bestseller „Entromantisiert euch!“, es gäbe keinen radikaleren feministischen Akt als die komplette Absage an die Romantik. Ihre Warnung lautet: „Wenn Sie Glück haben, macht sie Sie arm, unglücklich, krank und einsam. Wenn Sie Pech haben, schaffen Sie es nicht lebend heraus.“ Die heterosexuelle Idee von Liebe existiert Frasls Ansicht nach nur, um Frauen ungeachtet jeglicher Vernunft in heterosexuelle Beziehungen zu locken. Doch statt das Konstrukt der Heterosexualität an sich zu kritisieren und Wege der Transformation zu erdenken, etwa, indem man das patriarchale Gewebe männlicher Sozialisierung beleuchtet, verschiebt Frasl die Verantwortung auf die Frau. Es sei an ihr, sich einfach „besser zu entscheiden“, auf Kosten des natürlichen und nachvollziehbaren Wunsches, romantische Liebe zu finden und zu leben.

Auch Podcasterin und Autorin Lensi Schmidt ist Verfechterin des Heterofatalismus. In ihrem letzten Buch „Ich als Feminist“ verschärft sie das Feindbild Mann noch weiter, indem sie ganz gezielt gegen spezifische Individualbilder von ihnen schießt. Etwa dem „zu nichts anderem als Sex brauchbaren“ Fußballtypen oder dem nicht-ernstzunehmenden Dude mit Nagellack. Durch die Darstellung des Manns als Ursprung des Problems, vermitteln die Autorinnen den recht unsympathischen Anspruch, als Frau einfach auf romantische Liebe zu pfeifen. Und dass es in Ordnung sei, wenn Männer in Penthesilea-Manier ausschließlich wegen ihrer körperlichen Ausstattungen benutzt und dann weggeworfen werden. Und folglich, dass man als Frau ja doch ein bisschen selbst Schuld ist, sich in einen Mann zu verlieben und, schlimmer noch, eine Beziehung mit ihm einzugehen. Damit sind Frasl, Schmidt und jene, die diese Ideen unhinterfragt befürworten, jedoch auch nur wenig besser als diejenigen Männer, die Frauen als needy und nervig und verrückt darstellen. 

Unverwundbarkeit schützt vor Liebe nicht

Die performative Ablehnung von romantischer Liebe und Interaktion mit Männern, bei denen der Fokus ausschließlich auf der Bedürfnisbefriedigung liegt (wie etwa im Sinne der Hookup-Culture, die meine Freundinnen derzeit auszuleben versuchen), ist weniger ein feministischer Akt als ein Produkt gegenwärtiger Verschiebungen sozialer Machtverhältnisse. Zeitgleich ist der Heterofatalismus wohl auch eine Verschleierung der Verzweiflung, denn unterm Strich sind es ja doch wieder Frauen selbst, die die Last und Schuld ihres eigenen Leids tragen.

Doch da es so viel einfacher ist, polarisierende Haltungen im Netz zu postulieren und sie ästhetisch zu reproduzieren, ohne ihre Konsequenzen in der Realität zu antizipieren, haben wir mit dem Heterofatalismus mehr als eine performative Alternative zur patriarchalen Inszenierung von Partnerschaft - sondern eine Verhärtung der Fronten zwischen den Geschlechtern. Hass schürt Hass, und besonders Frauen spüren die Konsequenzen. Das zeigen die Statistiken, das vermitteln die Gespräche mit meinen Freundinnen, das zeigt der mediale Backlash. Der Heterofatalismus schneidet uns also ins eigene Fleisch.

Heterosexualität gänzlich abzulehnen und sich von ihr zu „befreien“, indem man das Bedürfnis nach emotionaler Nähe un Romantik als „schwach“ konstruiert, ist insofern also a) nicht die Lösung für das Problem, b) ohnehin nicht möglich denn, oho, die eigene Sexualität obliegt nicht unserer freien Wahl, und c) nicht die Aufgabe von Frauen. We have done enough.

Freilich, es herrscht die alarmierende Dringlichkeit, die heterosexuelle Kultur zu revolutionieren. Doch der Heterofatalismus ist dabei keineswegs Startpunkt dieser Revolution, sondern führt ironischerweise dazu, dass ein guter Teil der Dynamik tatsächlich feministischer Ideale verloren geht. Mit dem Heterofatalismus liegt die Chance auf großen Wandel in der Luft, doch mit ihm auch die Gefahr, tradierte Muster unter neuem Anstrich salonfähig zu machen - aus unserer eigenen Mitte heraus.


[1] Braucht man ja auch keine Männer für, wozu gibt’s denn Hände, oder den Satisfyer.
[2] Interessanterweise ist dieser Verhaltenstypus einer der häufigsten genannten Auslöser für häusliche Gewalt von Männern gegenüber Frauen.

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