Tanz im Schatten Wiens
Das Opera Ballet Vlaanderen gastiert mit Marcos Moraus düsterer Choreografie von Romeo + Julia in St. Pölten und verdeutlicht, dass die niederösterreichische Landeshauptstadt über das Tanztheater verfügt, das Wien fehlt.
Schwarz in Schwarz /// Opera Ballet Vlaanderen, Danny Willems (c)
Von Tutus und Spitzentanz war ich noch nie der allergrößte Fan. Um ehrlich zu sein: Spagatsprünge und Pirouetten des klassischen Balletts erscheinen mir in ihrer Perfektion oft austauschbar. Durch zeitgenössische Choreografien von Alexander Ekman, Sharon Eyal, William Forsythe, Crystal Pite und Marcos Morau, die ich in Berlin sah, entdeckte ich dann doch meine Liebe zum Tanztheater. Es eröffnet ästhetische Räume, in denen die Wortlosigkeit die spannendsten Assoziationen auslösen kann.
Als ich nach Wien zog, war meine Enttäuschung herb: Trotz einzelner zeitgenössischer Einsprengsel im Spielplan hat sich das Wiener Staatsballett vor allem dem klassischen Ballett verschrieben. Die Performances im Tanzquartier Wien wiederum sind mir manchmal zu nischig. Ich bin eben doch ein Sucker für theatrale Opulenz. Glücklicherweise stillt das ImPulsTanz-Festival alljährlich meine Sehnsucht nach zeitgenössischem Tanztheater.
Blick über den großstädtischen Tellerrand
Wiener Tanz-Fans, die nicht immer ein Jahr bis zum nächsten Festival warten wollen (das ja vollkommen zu Recht eine ziemliche Nummer ist), sei geraten, über den großstädtischen Tellerrand zu blicken: Das Festspielhaus St. Pölten verfügt zwar über keine eigene Tanzkompanie, doch Intendantin Bettina Masuch lädt regelmäßig die angesagtesten Tanzensembles Europas zu Gastspielen nach Niederösterreich ein. Letzten Freitag gastierte das Opera Ballet Vlaanderen in St. Pölten. Also fuhr ich in die niederösterreichische Landeshauptstadt, um im Festspielhaus Romeo + Julia in der Choreografie von Marcos Morau zu sehen.
Sergej Prokofjews Ballettmusik ist stadt- und staatstheatraler Usus, um William Shakespeares Tragödie tänzerisch umzusetzen. Auch Morau nutzt sie, wenn auch in gekürzter Form. Allerdings nicht, um die Handlung nachzuerzählen. Stattdessen wählt er eine abstraktere Form: In düsterer Atmosphäre werden ohne konkrete Figuren junge Liebe und willkürliche Feindschaft thematisiert. Die Kostüme von Silvia Delagneau sind vollständig in Schwarz gehalten: wehende Umhänge, Ritterrüstungen, lange Samtkleider. In der spärlichen, aber umso effektvolleren Beleuchtung von Bernat Jansà bewegen sich die Tänzer*innen wie Schattendämonen durch das ebenfalls überwiegend schwarze Bühnenbild von Max Glaenzel.
Opera Ballet Vlaanderen, Danny Willems (c)
Schnell ist man verleitet, den Abend als Hommage an eine finstere Ästhetik alla Dark Gothic zu beschreiben. Doch das würde der Inszenierung nicht gerecht. Denn Choreografie und Bühnendesign funktionieren so präzise über ihre eigene Materialität, dass jeglicher Kitsch-Verdacht sofort verfliegt. Gavin Sutherland, der das Tonkünstler-Orchester Niederösterreich dirigiert, lässt sich gekonnt auf Moraus Deutung ein und lässt etwa die Tuba im „Tanz der Ritter“ auffallend finster knarzen.
Die Tänzer*innen stehen sich immer wieder in zwei Gruppen wie die verfeindeten Familien der Montagues und Capulets gegenüber. Dennoch gleichen sich ihre Kostüme sowie ihre verrenkend, affektierte Körpersprache. So wird ausgestellt, wie beliebig die Wahl des Feindes ist. In den ekstatischen Gruppenchoreografien wird außerdem vorgeführt, wie das Individuum zwischen den Formationen zermalmt oder bewusst ausgeschlossen wird. Gruppen, die sich nach außen gewaltvoll abgrenzen, produzieren ihre Ausschlüsse auch im Inneren. Morau findet eindringliche Bilder für gesellschaftliche Ausstöße.
Tanz des Todestriebes
Trotz Finsternis und Gewalt finden sich vergnügte und zarte Szenen. Anstatt mit fixen Solist*innen eine eindeutige Liebesgeschichte zu erzählen, formieren sich immer neue Paare. Wenn die Tänzerinnen in hysterisches Lachen verfallen, kratzt das zwar am misogynen Klischee, zeigt aber auch, wie schnell heitere Ausgelassenheit ins Diabolische kippen kann. So smart und präzise das Konzept ist, zieht sich der Abend durch manche choreografische Wiederholung doch ein wenig in die Länge. Dennoch entfesselt sich zu Ende im Schwarz in Schwarz ein intensiver Tanz des Todestriebes, der für Gänsehaut sorgt. Wie das gelingt, soll hier nicht verraten werden. Nur so viel: Es wird düster!
Mit Romeo + Julia hat das Festspielhaus St. Pölten angesagtes, smartes und vor allem bildgewaltiges Tanztheater nach Niederösterreich geholt. Die Aufführung steht dabei in einer Reihe bemerkenswerter Produktionen: Im Oktober war Meryl Tankards preisgekrönte Neufassung von Pina Bauschs Kontakthof im Festspielhaus zu sehen. Außerdem gastierten in dieser Saison bereits Produktionen der Star-Choreograf*innen Sharon Eyal und Damien Jalet. Das Festspielhaus St. Pölten liefert damit jenes Tanztheater, das Wien fehlt. Im Mai wird erneut eine Arbeit von Marcos Morau in St. Pölten zu erleben sein – dann als Gastspiel des Nederlands Dans Theater und in Kombination mit einer Choreografie des aufgrund von Dackel-Kot nach wie vor umstrittenen Marco Goecke. Auf in den Railjet und ab nach St. Pölten!

