Mein Schwester
Im Februar veröffentlichen wir jeden Sonntag eine Kurzgeschichte aus unserem Open Call. Texte, in denen Zeit und Raum ineinander kippen. Diesen Sonntag, die letzte Geschichte.
Grafik: @wnrknd
„Sie können Ihre Blätter jetzt umdrehen.”
Papiergeraschel, Kugelschreiberkritzeln und das Scharren von Füßen. Jemand atmet tief, tief ein, tief, tief aus. Kein gutes Zeichen. Die Nervosität der Anwesenden sickert in den Raum, durch ihre Blicke, die steifen Schultern, den Angstschweiß, der sich in mancher Achsel abzuzeichnen beginnt.
Angstschweiß, das ist gestern zufällig Thema gewesen, ein normales Kompositum eigentlich, vergleichsweise kurz, im Vergleich zu anderen Konstrukten, die die deutsche Sprache hervorbringt, aber mit acht Konsonanten hintereinander. Ein Albtraum für jeden Deutschlernenden, und wir haben gelacht, ich über die lustige Anekdote, die Kursteilnehmer um mich herum vielleicht aus Verzweiflung.
Fünfundsiebzig Minuten später sammeln sich auf dem Tisch vor mir neun ausgefüllte Prüfungsbögen. Ein paar Blätter Papier, die für die meisten hier über Wesentliches entscheiden werden.
Das mündliche Modul findet am Nachmittag statt. Zehn Minuten pro Person sollen reichen, um das Niveau ihrer sprachlichen Ausdrucksfähigkeit festzustellen. Um eine Entscheidung zu treffen, über diese Person. Die erste ist Leyla. Im Unterricht haben wir uns geduzt, doch jetzt sitzt sie vor mir und knetet ihre Hände und spricht mich per Sie an, vor Angst zitternd vor einer Studentin Anfang zwanzig, jünger als sie. Sonst formt die Falte ihres Doppelkinns eine zweite freundliche Linie unter ihren Lippen, die Winkel nach oben gebogen, und darunter folgt die Vorahnung einer dritten Mulde im Fleisch, ein Echo des Echos ihres Lächelns, das sie sympathisch wirken lässt und nahbar. Kleider mit kleinem
Blümchenmuster darauf umarmen ihren Körper, und ich weiß
nicht, was es ist, aber als ich sie zum ersten Mal sah, hatte ich den Drang, mich in dieses Blumenmeer, in diese weiche Landschaft zu legen und sie an mich zu drücken. Warm musste das sein, ein Gefühl von Geborgenheit.
Heute strahlt sie nichts davon aus. Vergräbt das Gesicht in den Händen, „ich kann nicht.”
Ich habe Angst, sie könne anfangen zu weinen.
„Du kannst das,” entgegne ich. „Du machst das super, wirklich.”
Und wir mühen uns weiter ab, die Wörter sperren sich in ihrem Mund und tun nicht, was sie sollen, aber Leyla zwingt sie hinaus, stotternd und etwas schief, mit zitternden Mundwinkeln über der zitternden Hügellandschaft ihres Kinns, und ich, ich lächle, nicke ermutigend. Versuche, in dieser kalten, von bürokratischer Effizienz geprägten Situation ein Gefühl von Geborgenheit zu vermitteln und spüre mich selbst versagen.
Während die Prüflinge gegen die deutsche Grammatik und lange Vokabellisten in ihren Köpfen um ihre Erlaubnis zu arbeiten, ihr Bleiberecht, ihr Recht auf Sicherheit kämpfen, werde ich müde. Nach fünf Teilnehmern lasse ich mir einen Kaffee aus dem Automaten am Gang herunter, nehme den Pappbecher mit zurück in die kleine Kammer ganz hinten.
Ich unterrichte sonst im Klassenzimmer, sitze davor zum Vorbereiten allein in diesem großen Raum mit den leeren Tischen und Stühlen, die sich ab sieben für den Abendkurs füllen. Der meiste Betrieb herrscht vormittags, abends gehören die zwei Zimmer und der lange Gang mir. Seit einigen Wochen aber ist die Sprachschule voll, ich muss zum Vorbereiten in die Kammer neben dem Kopierer, weil im Klassenzimmer außerplanmäßig ein Kurs stattfindet, für die Kleinen, die Mütter sind auch dabei, im ersten Monat kostenlos, das ist nicht staatlich gefördert, das ist ehrenamtlich. Peter, der Schulleiter, arbeitet diese Wochen umsonst, sechzig Stunden mit Organisationskram und den paar wenigen regulären Kursen. Er hat nicht gefragt, ob ich ehrenamtliche Stunden einschieben kann, stattdessen, ob ich reguläre Kurse übernehmen könne, er komme gerade an die Grenzen seiner Kapazitäten. „Klar,” habe ich geantwortet. „Warum machst du das?”, wollte ich fragen, verkniff es mir gerade noch. Eine dumme Frage, hallte es in mir. War der Impuls zu helfen nicht normal, normal für Menschen? Streichelten nicht schon Kleinkinder tröstend über Wangen, wenn das Leid um sie herum sie doch nichts anging? Warum ich diesen Impuls unterdrückte, menschlich statt wirtschaftlich zu arbeiten, das war eher die Frage. Keine Zeit, kein Geld, war ich zu bequem oder verdiente ich nur zu schlecht, um mich wohltätig zu engagieren? Menschlichkeit als etwas, das ich mir leisten musste. Menschlichkeit als eine Wohltat, ein seltsames Konstrukt, diese Formulierung. Als Stilfehler hätte ich das in den Übungsaufsätzen der Fortgeschrittenenkurse angezeichnet, so könne man das nicht sagen.
Es ist stickig hier drin, und ich öffne das Fenster, um die abgestandene Luft, den Schweißgeruch und die Zukunftsängste hinauszulassen, unterdrücke ein Gähnen, als die nächste Teilnehmerin vor mir Platz nimmt. Oleksandra lächelt mit ihren dünnen Lippen, umklammert die Ärmel ihres Pullovers, viel zu kalt für diesen Februartag.
Vieles im Unterricht ist Improvisation, gerade bei den Anfängern. Gemeinschaft bildet sich im Klassenzimmer von allein, wenn etwa eine Ukrainerin als einzige gut Englisch kann und das Übersetzen übernimmt, denn wie bringt man Menschen eine Sprache ohne gemeinsame Sprache bei? Manches funktioniert auch anders, pantomimisch, „ich heiße”, Zeigefinger auf die eigene Brust, „wie heißt du?”, Zeigefinger auf die Person vor dir. „Eins, zwei, drei”, die Tafel, der Tisch, der Sessel. Vieles funktioniert nicht, auch nicht mit englischer Übersetzung. Wie macht man Unterricht, wenn die Frauen mit Kleinkindern auf dem Schoß ihre Männer im Krieg zurückgelassen haben?
Oleksandra hat mit ihren fünfzehn Jahren keinen Mann, keine Kinder, aber der Krieg hat trotzdem Narben an ihr hinterlassen, und als wäre sie noch mittendrin, fügt sie sich selbst neue zu, auf der Toilette der Sprachschule, kommt dann mit dünnem Lächeln und fest umklammerten Ärmeln wieder ins Klassenzimmer, beteiligt sich an den Grammatikübungen, als sei nichts. Und ich, vor der Tafel, nicht mehr unbeteiligt auf einmal, ich mache, weil mir nichts Anderes übrigbleibt: Improvisation.
Ich improvisiere auch jetzt, als ich das Prüfungsgespräch beginne: „Hallo Oleksandra, wie geht es dir?”
Sie schiebt die Hände noch tiefer in ihre Ärmel. Es ist eine falsche Frage in dieser Situation, aber mir will keine richtige einfallen.
In der Straßenbahn am Heimweg lese ich die Nachrichten am Handy, schaue durch das Fenster, als wir am Parlament vorbeifahren. Die längste Zeit dachte ich, die Statue vor dem tempelartigen Gebäude zeige Justitia mit der Waage der Gerechtigkeit in Händen, dabei ist es Athene. Auf dem Scheitel der Kämpferin, der Schutzgöttin, sitzt eine Taube, den Kopf unter die Flügel gesteckt. Die Wolken liegen pastellrosa über den Dächern, zerfließen in helles Blau. Es sind sanfte Farben, ist ein zarter Himmel für diesen Februarabend, als der Erlass beschlossen wird, dass Abschiebungen in den Iran wieder rechtens sind. Dass die dortigen Menschenrechtsverletzungen kein Grund für Asyl sind, kein Grund, um sein Leben zu fürchten. Die Kommentarspalte ist voller Stimmen, wütende und zufriedene und entsetzte, und ich lehne meinen Kopf an die schmutzige Scheibe, schließe die Augen.
Denke an ein Gespräch mit Leyla, „du hast recht”, hatte ich sie korrigiert, nicht „du hast richtig.” Sie hatte den Kopf schief gelegt, „warum?” Und ich hatte an die Decke über mir geschaut, weiß und kalt mit einem feinen Haarriss darin. „Weil recht und richtig ähnlich sind, aber nicht dasselbe.”
„Aber”, machte sie, kniff dann die Augen zusammen, nickte. Als verstünde sie die Differenz nur zu gut.
Ich wünschte, ich könnte meine Antwort von damals umformulieren. Sie warnen: Recht hat im Grunde nichts mit Richtigkeit zu tun. Dabei weiß sie das bestimmt, besser als ich.
Später sitze ich vor den schriftlichen Prüfungsmodulen, den Teilen zu Lese- und Hörverständnis, lange Reihen von Rastern mit Kreuzen, die systematisch zwischen richtig und falsch unterscheiden. Die keinen Bewertungsspielraum zulassen, die ohne Abwägen und Interpretieren Wahrheiten schaffen, Punktestände im zweistelligen Kommabereich ergeben. Anders als Asylanträge und Gesetzesbeschlüsse gibt es hier keine Grauzonen, keine Ermessungsspielräume. Die Aufsätze zur Prüfung der Schreibkompetenz sind anders. Hier entscheide ich. Entscheide über richtig und falsch, entscheide über das Ergebnis, darüber, was das System, das Migrationssystem Österreichs, nun mit Person P047 anfangen wird. Die Kennziffern dienen der Anonymisierung, doch ich erkenne die Personen hinter den Aufsätzen schon an der Handschrift, und wenn die durch Nervosität und Stress entstellt ist, spätestens am Inhalt. P047 schreibt von Borscht, schreibt von der Suppe, die sie aßen, ihre Familie um den großen Fliesentisch in der Wohnung in Mariupol versammelt, die Suppe wie ein Zuhause im Mund, aber hier in Wien schmeckt die Suppe anders, ohne den Tisch und die Menschen rundherum. Ich war mir sicher gewesen, Oleksandra würde die andere Aufgabenstellung nehmen, Beschreiben Sie ein Familienmitglied, von ihrer Schwester schreiben.
Wir füllten Lückentexte zu Possessivpronomen aus, mein, dein, unser, euer, als sie die SMS bekommen hat, mitten im Unterricht, einfach so. Ich hatte noch an ihrer Stelle die Lösung gesagt, „meine Schwester”, das e langgezogen und laut, als sie aufstand, den Raum verließ. Einfach so. Erst Tage später, als sie fragte, was das deutsche Wort für bomb sei, für air strikes, da erzählte sie: „Mein Schwester stirbt Bombe.” Und wieder stand ich da vor der Tafel, ein Stück Kreide in der Hand, wusste nicht, was sagen, wusste nur, dass ich Oleksandras Satz nicht grammatikalisch richtig wiederholen würde, wie ich es sonst tat. Das war nicht der Zeitpunkt für Berichtigungen. Und was konnte ich an dieser Situation schon berichtigen?
Stattdessen hat T821 diese Aufgabenstellung gewählt, schreibt von einem wichtigen Menschen, schreibt über ihre Schwester. Ich habe den Fernseher laufen, der Lichtschein der wechselnden Bilder huscht über die handgeschriebenen Sätze auf dem Papier vor mir. Etwas Bild und Ton, um über den Korrekturen nicht einzuschlafen, dieser Aufsatz ist der letzte, bevor ich endlich ins Bett kann. In den Nachrichten geht es wieder um den Iran, ein Mann mit Brille spricht von Massenprotesten und Massenverhaftungen, von Folter und Mord, als ich innehalte. Den roten Stift in meiner Hand sinken lasse, bevor ich den Fehler anstreiche, mein Schwester, nochmal die Bögen von Hör- und Leseverständnis von meinem Schreibtisch hole. T821, einmal, zweimal, und ich überschlage die Punkte in meinem Kopf und rechne nochmal nach und starre wieder auf den Aufsatz von Leyla.
Ein Deklinationsfehler bedeutet den Abzug von einem halben Punkt. Das ergibt: 44,5 Punkte. Das ist ein halber Punkt zu wenig, um zu bestehen. Um bleiben zu dürfen. Um frei zu sein und auf die Straße zu gehen, ihr Haar zu zeigen und laut lachen zu dürfen, um ihre Meinung zu äußern und trotzdem nicht um ihr Leben zu fürchten.
Naiv hatte ich angenommen, ich würde hier Menschen eine Sprache beibringen, ich würde ihnen vielleicht sogar, auf eine Weise, helfen. Dabei bin ich Teil des Systems, das Menschen zu Zahlen und Problemen macht, bin Teil des Systems, das Menschenleben bürokratisch und regelkonform bewertet, manchmal im Zuge dessen zerstört. Ein Sprachniveau von A2 ist nötig, innerhalb eines Jahres, dann darf man bleiben. Was das heißt? Dass man funktionieren muss, trotz Verlieren des alten Lebens und Trauma und Angst und der Nachricht, dass die Schwester verhaftet worden und nicht mehr lebendig zurückgekehrt ist, dass das Elternhaus plötzlich seltsam leise ist, nur leere Räume und Fotos an der Wohnzimmerwand, wo davor Familie und das Gefühl von Heimkommen war, mit dem feinen Duft nach Jasmin aus dem Garten, dem glockenspielartigen Lachen der Schwester, dunkle Augen und unordentliche Locken ums Gesicht. Es heißt, dass man die e’s und en’s und t’s richtig platziert und weiß, welche Wörter wohin im Satz gehören, weiß, unter welchen Bedingungen ein Verb an eine andere Satzstelle verschoben werden muss und wann es an seiner Stelle bleibt, und nur wenn man das weiß, darf man das auch: bleiben.
Und ich denke an Justitia, die auf vielen Abbildungen eine Augenbinde trägt. Die manches nicht sieht. Denke an Athene, die für Schutz steht. Irgendwann wird Leyla in ihr Elternhaus zurückkehren, sie werden zu dritt auf die Wohnzimmerwand mit den Fotos daran blicken. Doch noch nicht jetzt. Mein Schwester kann nicht bleiben, wenn Leyla das soll. Ich glaube, das ist er: der richtige Zeitpunkt für eine Berichtigung. Und statt zum roten Stift greife ich nach meinem Kugelschreiber, schwarz wie der, mit dem Leyla den Aufsatz verfasst hat, ergänze ein kleines e.
Zur Autorin: Elena Liebhart, geboren 1994, studierte Komparatistik und Deutsch als Fremdsprache in Wien mit Stationen in Helsinki, Santiago de Chile und Melbourne. Veröffentlichungen in Anthologien und Zeitschriften. Aktuell arbeitet sie an ihrem Debüt und schreibt auf Instagram als @lieblingslibri über Bücher.

