“Den Widerspruch benennen, genau das ist der Kern.”

Obdachlosigkeit ungefiltert: Greta Călinescu und das Volkstheater geben mit “Stadt ohne Dach” wohnungslosen Personen dringend nötige Sichtbarkeit. Kann man aber überhaupt der gesellschaftlichen Ohnmacht gegenüber dieses sozialpolitischen Disasters mit Theater entgegenwirken?

Draußen beim Audiowalk im sechsten Bezirk bei der Volkstheater-Inszenierung “Stadt ohne Dach”. © Marcella Ruiz Cruz

Das Projekt “Stadt ohne Dach“ des Volkstheaters findet sich abseits der konventionellen Bühne: Es setzt sich zusammen aus einem Audiowalk durch den sechsten Bezirk und einer anschließenden Performance in den Räumlichkeiten des Obdach Forum. Lucie Mohme hat eine Probe des Projekts besucht und im Gespräch mit der Regisseurin Greta Călinescu mehr über den Entwicklungsprozess der Inszenierung erfahren. Gemeinsam sind sie der Frage nachgegangen, wie Aktivismus und Theater in diesem Projekt ineinander übergehen. 

Ich mag das Format, wenn man an Orte geht, an denen Theater die Orte zum Thema macht.
— Greta Călinescu

Der Beginn unserer Tour liegt zentral auf der Mariahilfer Straße - direkt vor der Kirche Mariahilf. Die abendliche Stille hat den Trubel des Tages schon etwas gedämpft. Hier beginnt die Geschichte unserer Audiotour. Alle tragen Kopfhörer, die im gleichen Blauton leuchten. Es erinnert ästhetisch an Silent Disco. Heute dienen die Kopfhörer aber dazu, das Publikum in den Bann der Bezirksführerin zu ziehen.

Bohema: Wie kam es zu der Idee des Audiowalks als Teil einer Theaterinszenierung?

Greta Călinescu: Wenn wir etwas zu tagespolitischen Themen machen, muss es zusammen mit Leuten passieren, die das erlebt haben. Rein auf dem Papier zu recherchieren, macht für mich keinen Sinn in dieser Arbeit. Daher sind Hedy und Sandra von den Backstreet Guides die Bezirksführerinnen, da sie die Erfahrung auf der Straße selber gemacht haben. Das ist der dokumentarische Teil der Inszenierung. Ich mag das Format, wenn man an Orte geht, an denen Theater die Orte zum Thema macht. Man nimmt die Stadt oft nochmal anders wahr, weil man dann das Publikum an den Orten, wo Dinge passieren, konfrontieren kann.

Der Audiowalk führt von der Kirche Richtung Gumpendorfer Straße und Haus des Meeres.  Mal bleiben wir vor einem Gemeindebau stehen, mal vor dem Büro eines Immobilienkonzerns, mal vor einem Haus, das leer steht. Dieses Haus soll jedoch nicht zu dringend benötigten Wohnraum werden, sondern für Profit verkauft werden. Das zentrale Thema der Tour ist die Unsichtbarkeit von Obdachlosigkeit. Da sind Menschen, die im Park liegen und die man lieber übersieht, aus Angst, angesprochen zu werden. Doch die eigentliche Unsichtbarkeit liegt bei jenen, die in temporären Wohnungen oder Notunterkünften unterkommen. Sie sind da - aber tauchen nicht im Stadtbild auf. Besonders selten sieht man auch Frauen auf der Straße, das wird von Hedy und Sandra immer wieder hervorgehoben. 

B: Die Guides sind beide Frauen. Gab es eine spezifische Absicht, über die Unsichtbarkeit von obdachlosen Frauen zu sprechen?

GC:  Es gibt Erfahrungen, die einfach viele Frauen in der Obdachlosigkeit machen. Wir haben das inhaltlich zu viert mit der Dramaturgin Julia Engelmayer gemacht. Frauen in der Obdachlosigkeit sind Thema im ersten Teil, weil zwei Frauen diese Stadtführung machen. Wenn es Männer gewesen wären, wäre es ganz einfach ein anderer Walk gewesen. Hedy und die Sandra sind wahnsinnig aktivistisch unterwegs, sie haben ein Anliegen und klagen an. Mir ist es wichtig, dass man das ernst nimmt, dass man dann auch die Personen sieht, die das vertreten. Und das sind keine Schauspielerinnen, sondern eben Expertinnen des Alltags. 

Ein gemeinsamer Prozess

Der zweite Teil der Inszenierung, die Performance im Innenraum, war zu Beginn der Proben noch ganz offen. Hier hat sich in Zusammenarbeit mit Obdach Forum ergeben, dass diesen Teil nicht nur der Schauspieler Maximilian Pulst spielt, sondern auch ehemals Obdachlose als Laienschauspieler*innen mitgestalten.


GC: Ich habe über ein Jahr zu dem Thema recherchiert, mit Expert*innen des Alltags gesprochen, Menschen, die Wohnungslosigkeit erlebt haben, Sozialarbeiter*innen und so weiter. Aus all dem Material habe ich einen Text erarbeitet, mit dem wir als Vorlage gestartet sind, den haben wir dann in der Probe zusammen gelesen. Wir haben viel darüber gesprochen und haben Dinge verändert, ergänzt, hinzugefügt. Es war ein gemeinschaftlicher Prozess. Wir haben uns dann für eine Amtssituation entschieden. Damit haben viele obdach- oder wohnungslose Personen Erfahrung gemacht, ebenso kämpfen die Leute, die in den Ämtern arbeiten mit den Strukturen. Das sind engagierte Personen, so einen Beruf macht man nicht einfach so. Es ist ein sich gegenseitig aneinander aufreiben.

Man kann es nur irgendwie gemeinsam machen. Und solange man ignoriert wird oder das Thema ignoriert wird, wird es halt schwerer.
— Greta Călinescu

Der Schauspieler Maximilian Pulst spielt in diesem Setting nicht nur einen Behördenmitarbeiter, sondern wird zu dem personifizierten Widerspruch der Behörde selbst - der mit der fehlenden Menschlichkeit in diesem verbürokratisierten Verfahren kämpft. Stück für Stück merkt er, wie Anträge und Vorschriften das Problem darstellen. Immer wieder nennen die Mitspielenden ihm den Paragraphen Null, der immer für etwas anderes zu stehen scheint. Paragraphen sind auch nur Teil eines erdachten Systems in einer Gesellschaft. Der Kapitalismus beeinflusst diese Richtlinie maßgeblich. An sich sind die Paragraphen nur dem System entsprechend “ausgedacht”. In der Inszenierung wird das hinterfragt. Wieso kann es nicht eine Erweiterung durch Paragraph Null geben, der zum Beispiel sagt: “Sobald eine Unterkunft bezogen wird, ist sie bewohnbar.”

Das Bühnenbild von Stella Lennert fügt sich klug in dieses Gedankenspiel ein. Es setzt sich zusammen aus Modellbauteilen eines Stadtbildes: Dächer, Wolkenkratzer und Wohnhäuser. Alle sind modular verschiebbar und werden aktiv, je nach Szene, umgebaut. Mal transformieren sie sich zum Tisch des Sachbearbeiters, dann werden sie zu einem Unterschlupf.

In den Räumlichkeiten des Obdach Forums geht die Inszenierung über in eine Performance. © Marcella Ruiz Cruz

GC: Die Überlegung war, wie sieht eigentlich eine ideale Stadt aus? Eine Stadt, in der für alle ein Dach da wäre. Das war eher ein metaphorischer Ansatz. Dann kommen natürlich die behördlichen Strukturen. Die bauen sicherlich anders, als eine obdachlose Person bauen würde. Die ehemals Betroffenen bauen einen Unterschlupf, der der Behörde nicht gefällt, weil er nicht geprüft und nicht gesichert ist. Da stehen hundert Paragraphen dazwischen. Den Widerspruch benennen, genau das ist der Kern. Man kann es nur irgendwie gemeinsam machen. Und solange man ignoriert wird oder das Thema ignoriert wird, wird es halt schwerer.

Schnittstelle Aktivismus und Theater

Obdachlosigkeit ist ein Symptom eines kapitalistischen Systems, das lieber Profit erwirtschaftet statt Wohnraum als menschliches Grundrecht zu sehen. Călinescus Inszenierung lässt dies wiederholt einfließen. Zahlen und Daten werden genannt, die Abscheulichkeit von leerstehenden Häusern, die eher versteigert werden, als in sozialen Wohnraum gesteckt zu werden. Untermauert wird die Situation von der bereits erwähnten Amstssituation, die im zweiten Teil zentral ist. Menschen die grundlegende Hilfe brauchen, werden zu Anträgen und Kategorien. Der Mensch verschwindet hinter Paragraphen, Zahlen und Bürokratie. Die Folge: eine Notunterkunft nach der anderen, nie lange bleiben, jeden Tag nicht wissen, wo man schläft. Vielleicht erscheint dies dem ein oder anderen Zuschauenden als nichts Neues. Im Gespräch fragt Bohema nach, wie vermieden werden kann, dass Zuschauende lediglich mit dem Gefühl der Machtlosigkeit und dem Gedanken “zum Glück bin ich nicht auf der Straße” aus der Vorstellung hinausgehen.

GC: Im Vergleich zu anderen Städten ist Wien verflucht gut aufgestellt. Trotzdem ist es zu wenig und es gibt – wie auch in anderen Städten – immense kommunale Kürzungen. Die Obdachlosen haben keine Lobby, da wird dann zuerst gekürzt. Das ist brandgefährlich, weil man sich damit an den Ärmsten der Armen vergreift. Das machen die Zahlen und die Fakten sichtbar, diese schiere Masse von 12.000 Personen in Wien. Mit der Ohnmacht haben wir dann zu kämpfen.

B: Kann Theater in Richtung Aktivismus gehen?

GC: Ich bekomme einen geschärften Blick auf ein Problem, weil das Theaterprojekt es erlebbar macht. Theater kann keine Lösungen anbieten, aber Fragen aufwerfen und Dinge benennen. 

B: Kann und sollte Theater nicht mehr als nur Probleme benennen?

GC: Das ist wahrscheinlich gerade der Unterschied zwischen Aktivismus und Theater. Das Theaterstück orientiert erstmal, so auch der Audiowalk mit den Orten, an denen man vorbeikommt. Aber die Lösung kann Theater letztlich nicht anbieten. Dafür bieten wir die Nachbesprechung an, dass man sich nach dem Stück mit Sozialarbeitenden sowie Betroffenen unterhalten kann. 

B: Aber warum nicht den Weg etwas genauer weisen und nicht “nur” Widersprüche im System aufzeigen?

GC: Theaterabende, die Bevormunden mit einem dogmatischen Zeigefinger, das finde ich immer gefährlich. Das halte ich für nicht richtig. Die Leute müssen selber entscheiden, was sie daraus dann mitnehmen oder machen wollen - oder eben nicht. Den Handlungsspielraum muss man den Leuten lassen. Anders als Aktivismus, eine Demo oder eine Rede auf einer Demo, was die Menschen natürlich anders erreicht, ist es meine Hoffnung, dass es Leute zum Nachdenken bringt. Ich glaube, Theater kann zu Aktionismus oder Aktivismus führen. Aktivismus ist es im Kern aber nicht.

Zum Nachdenken bringt es die Zuschauenden - das merkt man bereits bei der Probe einige Tage vor der Premiere. Dass die Reichweite vielleicht mehr als das selektierte Theaterpublikum bestimmter Klasse erreicht, ist hierbei wünschenswert. Das außergewöhnliche Format hat schon das ein oder andere Fernseh- und Radioformat erreichen können. Aktivismus ist eine dringende Notwendigkeit. Es muss dabei darüber hinausgehen die Symptome eines ausbeuterischen Systems zu behandeln. Keine Frage ist diese Arbeit, die Obdachlosen hilft enorm wichtig. Doch gemeinsam und mit der konkreten kollektiven Forderung für eine Änderung dieses Systems lässt sich nachhaltig etwas verändern. Vielleicht bringt die Inszenierung die Zuschauenden auch auf diesen Gedanken. Denn ich wünsche mir Wohnen als ein bedingungsloses Menschenrecht in Österreich. 

Mehr Theater in diesem Format 

Greta Călinescu wird im September das Theater Ulm leiten und wir durften schon mal nachfragen, wie sie das Programm gestalten wird. 

GC: Man macht Theater für die Stadt. Und die plurale Stadtgesellschaft hat meistens verschiedene Bedürfnisse oder Wünsche an ein Programm. Daher versucht man meistens, so viel wie möglich abzudecken, um möglichst viele Menschen einzuladen, ins Theater zu gehen. Immerhin haben auch alle ihren Teil zu den kommunalen Förderungen der Theater beigetragen. Neben beispielsweise einem Klassiker und einer Komödie, schaue ich aber gerne auch danach, was die Themen in der Stadt sind. In Nürnberg habe ich gerne nach diesen eher lokalen, tagespolitischen Stoffen gesucht und das findet sich dann auch im Ulmer Spielplan natürlich auch wieder. Aber wie gesagt, muss man sich breit aufstellen und da man nicht für alles eine Expertise hat, habe ich auch mein Team breit aufgestellt, um einen vielfältigen Spielplan zusammenstellen zu können.

B: Kann das Publikum demnach wieder etwas Unkonventionelles erwarten?

GC: Neuere Dramatik finde ich super und wichtig. Den Kanon auf die Bühne bringen, aber gleichzeitig hinterfragen. Das wird ja heute nicht genauso gelesen wie vor 300 Jahren. Das sind nicht absolute Wahrheiten, aber was ich jetzt für Ulm sagen würde, da haben wir eine Mischung gesucht und ich finde auch gefunden.

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