So verdammt gut können Comics sein

Du fühlst dich trotz all deiner Privilegien verraten von der Welt und suchst im Spiegelbild deines schwarzen Handybildschirms vergeblich nach Antworten? Dann erkennst du dich vielleicht in Liv Strömquists Comic Das Orakel spricht wieder. 

Neue Welt, alte Probleme /// Liv Strömqvist ©

Selbst, wenn uns alle Zehen und Finger in die Wiege gelegt wurden, finden wir Unvollkommenheit in jeder Ecke unseres Lebens – warum ist das so? Mit solchen Fragen beschäftigt sich Liv Strömquist. Sie verzaubert nun schon seit einigen Jahren mit ihren humorvollen Comics über Konsumgesellschaft, Liebe, Sexualität und andere merkwürdige Verhaltensweisen. In der Art, wie sie erzählt, zeigt sich eine Haltung, die Themen mit Schärfe behandelt, ohne sich selbst zur moralischen Instanz zu erheben. Strömquist denkt nicht für ihre Leser*innen vor, sondern mit ihnen – und lässt dabei immer Raum für Humor und Selbstironie. Gerade diese Mischung aus Ernst und Leichtigkeit verhindert Belehrung und schafft eine überraschende Vertrautheit zwischen Buch und Leser*innenschaft. Es ist fast, als folgten wir ihrem inneren Monolog (mit tollen Bildern).

Ihr neuestes Buch Das Orakel spricht funktioniert wie ein De-Influence-Video; wer das nicht gelesen hat, sitzt vermutlich noch im Eisbad. Es beschäftigt sich mit einer Kultur, die sich immer obsessiver mit Optimierung und der Übergottheit GESUNDHEIT auseinandersetzt. Obwohl es immer noch keine Antwort darauf gibt, warum wir überhaupt so lange wie irgend möglich auf diesem Globus herumturnen sollten. Es ist eine zugängliche Analyse von Selbstoptimierung, ökonomisch getarnter Selbsthilfe und all dem, was uns vorgaukelt, wir müssten nur tief genug in uns hineinhören. 

(Achtung Spoiler, ab hier wird es etwas konkreter, wenn es um einige Gedanken aus dem Buch geht!)

Seit den 1950er-Jahren besteht in Horoskopen die Spaßpflicht – aber nicht nur dort, sondern gefühlt in allen Teilen unseres Lebens. Man soll unbedingt zu schätzen wissen, was man hat und Spaß wird zur Verpflichtung. Weniger Spaß bedeutet dann schnell auch weniger Selbstwertgefühl und dahinter steht eine ganze Industrie: Wellness, Selbsthilfe, Optimierung. Es gilt die Vorschrift, dass das Leben um jeden Preis genossen werden muss. Hier sind sich die Autorin Liv Strömquist und Slavoj Žižek einig: Es gibt kaum etwas Unromantischeres als die Regulierung des Spaßes. Auch wenn Žižek in der Vergangenheit Strömquists Abhandlung über das weibliche Geschlechtsorgan als Beispiel für eine „unsexy“ Entmystifizierung beschrieb, die angeblich in einem Untergang der Erotik münde, gäbe es doch einiges was ich tun würde um Teil des geistigen Love-Triangles zwischen Strömquist und Žižek zu sein… (Spaß :)

Die schwierigste Aufgabe von allen ist, im Zug zu sitzen. Und sich mit dem minuskulen Impact auseinanderzusetzen, den man auf die Welt hat. Und damit, dass man stirbt und vergessen wird. Und wie soll man das bitte verkraften? Und wohin wenden wir uns in der Abwesenheit Gottes? Über unser Tool der Vernunft kommen wir zum Schluss zur Selfcare und zum gesunden Leben, um dem Tod so lange wie möglich zu entgehen.

Und damit man selbst nicht Gefahr läuft, etwas getan zu haben, was hätte vermieden werden können, um dem Tod noch länger zu entgehen. Und alle raten dazu etwas anderes: wie zum Beispiel jeden Tag 10.000 Schritte gehen oder zum Frühstück jeden Tag eine Kiwi essen oder den ganzen Körper mit Bananenschale einreiben. Wie bleibt da noch Zeit für den Spaß von vorhin?

Wenn man versucht, Dinge zu erzwingen – wie zum Beispiel bewegt sein beim Whale Watching oder sich zu verlieben –, dann merkt man oft, dass das Erlebnis ausbleibt, weil man es bestellen, kaufen oder forcieren will. Gefühle funktionieren eben nicht auf Abruf. Um die Liebe zu kontrollieren, raten online irgendwelche Helden zum Beispiel: Man solle bei jedem Menschen sofort abhauen, sobald die Person einem auch nur ein minimal schlechtes Gefühl gibt.

Das Leben ist nicht nur TED-Talk-Material. Oder doch?

Strömquist argumentiert wir haben immer weniger Toleranz für negative Gefühle und Schmerz und wenn es einem doch schlecht geht, ist man selbst schuld und muss sich allein darum kümmern – zum Beispiel in Therapie (mittlerweile fast ein Ersatz für Freundschaften). Daraus resultieren so absurde Annahmen wie im Comic aufgegriffen: „Ich verwandle meine Misserfolge in Stärken noch am selben Tag des Ereignisses. 24 Stunden nach meiner Scheidung war ich als Mensch gewachsen und konnte außerdem meine Erfahrungen im unglaublich beliebten TED-Talk-Format präsentieren.“

Jemand in den Amazon Reviews zum Buch formuliert so schön: „Die Relevanz von Ratgeber*innenliteratur, Selbsthilfe und Therapie (für alle) erscheint dabei nicht bloß als Ausdruck individueller Irrationalität – vielmehr lesen sich diese Phänomene bei Strömquist als Symptome einer Gesellschaft, in der strukturelle Desorientierung und das unaufhörliche Drehen um sich selbst längst Alltag geworden sind.“

Darunter herrscht ein stiller Kanon: Wir alle müssen geheilt werden.

Im Comic wird das unter anderem mit einem paradoxen Gedanken aus der therapeutischen Kultur aufgegriffen, wie ihn Eva Illouz beschreibt: Ziel sei es zwar, Menschen zu heilen – gleichzeitig müsse aber ein Narrativ entstehen, in dem das Ich durch Leiden und Opferschaft definiert wird. Ein therapeutisches Narrativ funktioniert also nur dann, wenn große Ereignisse im Leben als Zeichen des Scheiterns oder der vereitelten Möglichkeit zur Selbstentfaltung gelesen werden. Die Erzählung der Selbsthilfe wird somit von einer Leidensgeschichte getragen. Laut Strömquist ist die Definition von Trauma heute zudem sehr weit gefasst. Warum beschäftigen wir uns eigentlich so viel damit, uns selbst zu heilen – und so wenig damit, andere nicht zu verletzen? Im Buch gibt es etwa eine Übung, in der man ein Treffen mit einer Freundin rekapituliert und reflektiert, ob man eine gute Freundin war oder sie womöglich – leider – traumatisiert hat. 

Begriffe wie „Grenzen setzen“, „Ressourcen“, „Kraft kosten“ oder „Transaktion“ sind ins Alltägliche gerutscht. Trost spenden und füreinander da sein werden zur Währung. Also einfach den Kontakt abbrechen? Nach dieser Logik müsste das eigene emotionale Kapital und der innere Frieden wachsen, wenn man zehn Jahre lang alle Menschen ghostet, die einem nahe stehen – vielleicht ist man dann sogar gesund und geheilt. Da stellt sich die Frage: Mögt ihr eure Freund*innen eigentlich nicht? Wie Slavoj Žižek sagen würde: „Der Nächste ist und bleibt eine träge, undurchdringliche, rätselhafte Gestalt, die mich hysterisiert.“ Und doch geht es bei der Nächstenliebe – wie Lennart Räterlinck schreibt – nicht um Sympathie, sondern um die Anerkennung dessen, „was den Nächsten so entsetzlich wenig liebenswert macht, in einem selbst zu finden“.

Und wenn etwas schiefläuft, liegt es angeblich daran, dass man nicht fest genug daran geglaubt hat. Doch wie soll das bitte funktionieren, wenn kollektive oder politische Prozesse komplett ausgeblendet werden und alles auf individuelle Zielerreichung reduziert wird? Soll ich mit reiner Gedankenkraft und positivem Mindset strukturelle Verhältnisse beeinflussen? Es ist nicht die Schuld des Kapitalismus, dass ich verrückt geworden bin – es ist die Schuld meines Attachment Styles? I doubt it.

Thx for nothing Capitalism

Strömquist erläutert es ergibt keinen Sinn, wenn wir einerseits verinnerlicht haben, unser Leben sei völlig frei gestaltbar, („Grenzen existierten nur im Kopf“) – während gleichzeitig die Wirtschaft angeblich nach unveränderlichen Gesetzen funktioniert, zwei oder drei Oligopole über fast alles bestimmen und das eben „einfach so ist“. Also kümmert man sich lieber um das, was man kontrollieren kann: viel trinken, acht Stunden Schlaf, Selfcare. Dabei wird schnell klar, dass diese Denkweise vor allem denen nützt, die ohnehin privilegiert sind. Max Weber formulierte es sinngemäß so: zufällig verteiltes Leiden werde als Zeichen von Schuld oder göttlichem Missfallen gedeutet – eine Denkweise, die den Interessen der gesellschaftlichen Oberschicht entgegenkam. Denn der Glückliche begnügt sich selten einfach mit seinem Glück, sondern entwickelt das Bedürfnis, es auch als verdient zu betrachten. Und da fallen mir sofort all diese Erfolgsfilmchen ein, diese Geschichten von Aufstieg, Disziplin und Durchhaltewillen – virtuos inszeniert, möglichst nahbar erzählt – die am Ende vor allem eines tun: den bestehenden Status rechtfertigen.

Liv Strömquist /// Emil Malmborg ©

Alles beruht auf Individualisierung und Beschleunigung. (Produktiv sein – alles muss produktiv sein.) Gleichzeitig gibt es unendlich viele Optionen, und diese Optionen lassen sich scheinbar ständig wechseln. Zumindest wirkt es so, bis man merkt, dass man im echten Leben dann doch drei Jahre an einen Handyvertrag gebunden ist. Hartmut Rosa beschreibt, dass aus dem Anspruch, „das eigene Leben selbst zu bestimmen“, ein unendliches Angebot an Möglichkeiten entsteht und damit permanent das Gefühl, man müsste mehr erleben, mehr tun, mehr ausprobieren, als überhaupt machbar ist. Das betrifft nicht nur die großen Lebensentscheidungen, sondern auch die kleinen. Eine Konsequenz davon ist, dass das eigene Ich immer zentraler wird. Je mehr Entscheidungen es gibt, desto wichtiger wird man selbst. Und plötzlich muss man sich sogar beim Zahnbürstenkauf ganz authentisch in sich hineinfühlen: Was will ich? Wer bin ich? Bin das wirklich ich? Dieses ständige In-sich-Hineinhören wird durch soziale Dynamik und Beschleunigung nur noch anstrengender.

Also beim nächsten Online-Return einfach als Grund angeben: “I ordered in the middle of the night, after spending hours alone in the dark scrolling on my phone and thinking about death, loneliness and how ugly I’ve become this summer — and became overwhelmed with a nameless grief, restlessness and desire, that I channeled into buying this item.”

Obwohl wir angeblich die ganze Zeit frei entscheiden können, beschleicht einen der Verdacht, dass wir uns ständig mit Dingen verstricken, die wir eigentlich gar nicht tun wollen – etwa mit der Five-Hour-Morning-Routine irgendeiner berühmten Person. Gleichzeitig herrscht eine gottlose Menge an täglichen Ratschlägen wie love yourself – als hätten dafür überhaupt noch Zeit. Der Druck aus Beschleunigung und Selbstthematisierungszwang produziert vor allem Verwirrung und Erschöpfung. Und daraus entsteht ein extremer Hunger nach Techniken, sich selbst an erste Stelle zu setzen. Das mündet laut Strömquist in permanente Selbstbeobachtung – und letztlich in Selbstkontrolle. Wie bleibt da noch Zeit für den Spaß von vorhin?!

Und wer nach der Lektüre noch nicht genug hat, kann das Ganze auch auf der Bühne erleben: LIV, LOVE, LAUGH STRÖMQUIST – Ein Life Coaching auf Leben und Tod von Liv Strömquist und Ada Berger (aus dem Schwedischen von Ellen Neuser & Leonard Merkes) läuft gerade im Volkstheater. 

Infos und Tickets hier.

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