Eine Hippiekolonie der besonderen Art
Die immersive Theatergruppe Nesterval bespielt den Augartenspitz mit einer Nibelungen-Bearbeitung, die in der nahen, apokalyptischen Zukunft spielt und zeigt den Zuschauer*innen wieder einmal virtuos den Spiegel.
Ein bisschen Angst hat man manchmal auch /// Nurith Wagner Strauss ©
Gottohgott, sagen die Festwochen. Also nicht wortwörtlich, sondern indem sie „The Republic of Gods“ ausriefen. Es geht also um Religion, um Mensch und Gott. Im Fall von „Wallden“ um die Göttin Erda aus den Nibelungensagen. Die immersive Nesterval-Supertruppe hat die germanischen Legenden in die Zukunft gesetzt. Im Praterspitz leben Siegfried, Brünhild und Co. als eine selbstversorgende Hippiesekte, angeführt von ihrer Göttin. Wir sind in den 2040er Jahren, drumherum wütet eine Apokalypse.
Kein Wunder: wieder ausverkauft
Nestervals immersive Theaterproduktionen sind meist restlos ausverkauft, inklusive langer Warteschlangen. Warum so viele Menschen mitmachen wollen? Vielleicht, weil man in diesen Stücken gar nicht so sehr die Geschichte mitbekommt, viel eher sich selbst. Während die Schauspielenden nämlich (sehr authentisch, aber doch) Rollen spielen, spielt das Publikum sich selbst. Was auch sonst. Schaut sich selbst in die Augen.
Das ist scary, aber es macht auch Spaß. Ein bisschen ist das, wie ein Computerspiel. Für drei Stunden ist man ganz woanders, im Gegenteil zu einem Film oder einem herkömmlichen Theaterabend ist man aber aktiv dabei. Sodass die Zeit im Nu verfliegt, am liebsten hätte man auch diesmal noch ein paar Stunden in dem bis ins kleinste Detail mit viel Liebe aufgebauten Set geblieben. In den Zelten, wo die Bewohner*innen leben, in der großen Gemeinschaftsküche, wo wir Gemüse schnippeln und mit einem umgebauten Fahrrad Strom erzeugen mussten, in dem verwunschenen, magisch ausgeleuchteten Garten.
Ein bisschen Apokalypse, ein bisschen Waldorf, ein bisschen Sekte
Zu viel spoilern möchten wir nicht, so viel sei aber erlaubt, dass die zunächst idyllisch funktionierende, waldorfartige Mustersekte zwischendurch in die Krise kommt. Man lernt viel über Gemeinschaften und Individuen, über Basisdemokratie (funktioniert in der Krise nicht so gut, wo plötzlich alle ihre Eigeninteressen verfolgen, überleben wollen).
Achtung vor diesen drei Schwestern /// Nurith Wagner Strauss ©
Wenn jemand mit viel Wagner-Wissen oder sogar originalen Nibelungen-Kenntnissen kommt, wird die Person sicherlich eine besonders große Lust an der Geschichte haben. Nesterval hat die Figuren behutsam weiterentwickelt, hier und da einen Genderswap gemacht. Der Abend macht aber auch dann Spaß, wenn man in dem Wagner-Sumpf verloren ist, allein schon wegen den skurrilen Situationen, in denen man sich wiederfindet. Ich saß gegen Ende allein in einem Zelt mit einer ehemaligen Herzensgöttin, die mit mir ein Liebesritual mit dem gemeinsam benutzten Kristalldildo ihrer Schwestern durchführte. Das Ritual war letztlich nur etwas Gemurmeltes mit dem Dildo in unseren Händen. Aber allein schon der Moment, wo sie mich bat, den Dildo zu nehmen, der vor youknowwhat ganz klebrig war und wie sie entschuldigend sagte, sie würden den ganz oft benutzen. Das war einfach nur herrlich peinlich.
Die Produktion ist wegen genau solchen Szenen als 18+ gekennzeichnet. Und weil in altbekannter Nesterval-Manier einiges an Alkohol fließt: Shots, Wein und Bier. Den Augarten verlässt man aber nicht deswegen mächtig beseelt: Sondern weil Martin Finnland und seine ganze Nesterval-Truppe wieder einmal eine ekstatische, tiefgründige Produktion auf die Beine gestellt haben. Gerne wieder.

