Verhältnismäßig (zu) viel Macht

Unerwünschter Körperkontakt, Beschimpfungen und trotz Meldung keine Konsequenzen: Ein Kommentar zu Machtmissbrauch im Musikstudium, professorale Halbgötter und die Strukturen, die Übergriffe begünstigen.

© Ida Wutzler

Schon Monate vor meiner Aufnahmeprüfung schlich ich ehrfürchtig um das Gebäude der Musikhochschule in Leipzig und malte mir in schillernden Farben meine strahlende Zukunft als Jazzsängerin in diesen heiligen Hallen aus - sollte ich einen Studienplatz bekommen. Ich bekam einen und hätte vor Freude singen können (was die Studienwahl nahelegt). Dass ungefragte Kommentare zu meinem Gewicht oder meiner Kleidung, unerwünschter Körperkontakt sowie Beschimpfungen in vielen Unterrichtsstunden zur Tagesordnung gehörten, ahnte ich anfangs nicht. Noch heute habe ich Schwierigkeiten, meine Wangen im Spiegel nicht abwertend zu betrachten und mich nicht daran zu erinnern, dass ich im Gesangsunterricht immer wieder in meine ach so „prallen Sängerbäckchen“ gezwickt wurde. Erst Jahre später konnte ich das als Übergriffigkeit benennen.

Im Jahr 2023 sorgte ein öffentliches Statement der Berliner Musikerin Friede Merz in der Jazzszene für Aufsehen. Die dadurch angestoßene Aufarbeitungswelle schwappte über Genregrenzen hinweg und ermutigte weitere Betroffene, sich öffentlich zu ihren Erfahrungen mit Machtmissbrauch im Musikstudium zu äußern. Dass diese Vorkommnisse ein strukturelles Problem darstellen und mein eigenes Schweigen Teil dessen war, wurde mir erst im Laufe meiner Auseinandersetzung bewusst.

Im letzten Semester meines Studiums entschied ich mich - nach vielen Wuttränen und trotz der Angst vor Konsequenzen - dazu, Beschwerde gegen eine seit Jahren übergriffige Lehrperson einzureichen. Zehn weitere Studierende schlossen sich anonym an, sodass das Dokument letztlich 23 Seiten gesammelter Berichte umfasste. In unserem Studium beträgt der Umfang einer Bachelorarbeit zwölf Seiten. Die Beschwerde war damit das umfangreichste Dokument, das ich während meiner Studienzeit eingereicht habe.

© Ida Wutzler

Warum ist Machtmissbrauch an Musikhochschulen so verbreitet?

Als Reaktion auf die angestoßene öffentliche Debatte veröffentlichte das Institut für Praxisforschung und Projektberatung im April 2024 eine Vollerhebung zu Machtmissbrauch an der Hochschule für Musik und Theater München.

„Manche Teilnehmende an der Befragung schildern den Einzelunterricht per se als Risikosituation. Die Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden kann sich in dieser privateren Konstellation verändern.“ (IPP 2024, S. 67)

Ein zentraler Aspekt ist die Struktur des Musikstudiums selbst: Hauptfach, Klavier, Schauspiel, Sprecherziehung, Korrepetition. All das fand in meinem Studium als Einzelunterricht hinter verschlossenen Türen statt.

„Die Lehre künstlerischer Fächer scheint auf einige der Befragten die Wirkung zu haben, weniger Grenzen aufzeigen zu können […]. Die sogenannte ‚Glorifizierung‘ der Kunst […], gepaart mit ‚elitären Strukturen‘, verhindern laut Aussagen einiger Befragter Partizipation, das (künstlerisch) Ernstgenommenwerden und ethisches Handeln.“ (IPP 2024, S. 96)

Zudem haben viele Professor*innen zwar eine beeindruckende künstlerische Laufbahn hinter sich, jedoch oft keine ausreichende pädagogische Qualifikation, die ihrer Verantwortung als Lehrperson gerecht würde.

„In diesem Sinne wünschen sich Befragte häufig (verpflichtende) Schulungen und Workshops, die für alle HMTM-Mitglieder angeboten werden sollten […] über die Formen von Grenzverletzungen, wie sie vermieden werden können […]“ (IPP 2024, S. 91)

Selbst wenn Beschwerden eingereicht werden, ist der Hochschulapparat vielerorts nicht auf klare Verfahren vorbereitet. An vielen Hochschulen fehlen bis heute funktionierende Strukturen. Die HMT Leipzig etwa hat erst 2024 einen Antidiskriminierungsbeauftragten ernannt - und selbst mit dieser ist es schwierig, einer Person mit Professur rechtlich beizukommen. Dass die Jazzszene weiterhin von Männern dominiert wird, spiegelt sich auch in der Hochschulstruktur wider: Von elf Professor*innen der Jazz-Fakultät in Leipzig ist derzeit nur eine Person weiblich.In der Vollerhebung gaben rund ein Drittel der Befragten an, sexualisierte Gewalt selbst erlebt zu haben.

„Am häufigsten geht es um sexualisierte Grenzverletzungen durch Bemerkungen, unerwünschte intime Fragen, Gesten und Blicke. Neben diesen Hands-off-Erlebnissen wird auch von unerwünschten Berührungen im Rahmen des Unterrichts berichtet.“ (IPP 2024, S. 101)

Viele Betroffene erkennen das Erlebte erst spät oder im Rückblick als übergriffig - gerade wenn keine körperliche Gewalt vorliegt. Sexismus, Rassismus  und Lookismus spielen hier gleichermaßen eine Rolle.

© Ida Wutzler

Was lässt sich verbessern?

Die IPP empfiehlt unter anderem die Einführung eines Code of Conduct, den viele Hochschulen im Gegensatz zur HMT Leipzig bereits seit Jahren haben, - außerdem klare Regelungen für eine professionelle Nähe-und-Distanz-Strategie, ein Beschwerde- und Beratungsnetzwerk sowie regelmäßige Fortbildungen und Workshops. Die Rektorenkonferenz der deutschen Musikhochschulen plant für 2025 eine hochschulübergreifende Studie zum Thema Machtmissbrauch, ein wichtiger und notwendiger Schritt auf einem noch langen Weg.

Was bedeutet das für meinen Umgang mit Macht?

Nach Einreichen der Beschwerde reagierte das Rektorat der Hochschule zwar recht schnell, dennoch blieben die Konsequenzen überschaubar, auch wegen der bestehenden Professur. Die betreffende Lehrperson meldete sich für mehrere Monate krank. Es folgten Mediationsgespräche, mahnende Worte… und dann war alles wieder wie vorher.

Dennoch bin ich stolz, die Hochschule nicht verlassen zu haben, ohne offensichtliche Missstände zu benennen. Und: Ich will es besser machen. Auch wenn das ein Satz ist, den sicher viele frisch Graduierte großspurig in die Welt posaunen. Vielleicht hilft eine Therapie, um mir über blinde Flecken im Umgang mit Macht bewusst zu werden. Kritikfähig bleiben. In meinem Umfeld ein Bewusstsein für bestehende Machtverhältnisse schaffen. Und mir meiner eigenen Macht bewusst werden. Machtverhältnisse wird es immer geben. Entscheidend ist, verantwortungs- und würdevoll mit der eigenen Macht umzugehen, sich das auch von anderen einzufordern oder Strukturen zu schaffen, die dies insbesondere marginalisierten Personengruppen erleichtern.

Trotz ausbleibender Konsequenzen würde ich immer wieder eine Beschwerde einreichen. Denn eins habe ich daraus gelernt: Wer laut ist, wird gehört. Auch von anderen Betroffenen. Wenn ich etwas im Studium gelernt habe, dann ist es, meine Stimme zu nutzen. Sängerbäckchen hin oder her.


Quelle: Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP): Vollerhebung zu Machtmissbrauch, Diskriminierung und sexualisierter Gewalt bei den Mitgliedern der Hochschule für Musik und Theater München, April 2024.

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