Der Fremde, der sich gleich bleibt

Hier geht es nicht um einen Fremden, der in ein neues Haus kommt, sondern um einen Mann, der so schief ins Leben gebaut ist, dass er neue Definitionen von gerade herausfordert.

10% schulausflug /// 42% knock knock /// 56% perfektionismus ist nur allzu menschlich

©Foz Gaumont, France2Cinema, MacassarProductions / Foto: Carole Bethuel

Man kann schon am kleinen Header herauslesen, dass ich das Original von Albert Camus (1942) genausowenig gelesen habe wie all meine stammelnden oder Sicherheit vorspielenden Mitschüler*innen, die zum Präsentieren dieses Buches mit seinen langen Akten gezwungen waren. Der Film von Francois Ozon (Swimming Pool, 8 Femmes) schafft es, so kurzweilig zu erscheinen, dass einen der Inhalt nie im Stich lässt. Schon allein deshalb wird der Film wohl zukünftigen Achtklässler*innen nägelkauende Nächte auf Wikipedia, ChatGPT und Co. leichter machen. Die Schlüsselszene am Ende fühlt sich im Film aber interessanterweise genauso lang an wie die Stunden in der Schule, in denen uns von unseren Lehrer*innen erklärt wurde, dass der Autor des Originals ein absurdistischer und existentialistischer Mensch war. In Wahrheit wollte Camus nur darüber nachdenken, wie ein junger Franzose, der heutzutage definitiv als neurospicy gelten müsste, damit hadert, 1930 im besetzten Algier zu leben und zu töten. Nicht er allein ist damit der Fremde, der in ein neues Haus tritt. Sein ganzes ihm zugehöriges Volk ist ein Fremdkörper in diesem nordafrikanischen Land, und seine Beziehung zu dieser Welt eine parabelhafte Nicht-Beziehung zur selben.

Genauso absurd wie die Grunddisposition der Hauptfigur Meursault (fehlerfrei gespielt von Benjamin Voisin) war die Schulsituation selbst, die sich zehntausendfach auf der Welt wiederholt hat. Während Meursault in der bereits angesprochenen Schlüsselszene am Ende mit dem Beichtvater eingesperrt ist und im Gefängnis von diesem darüber belehrt wird, dass Welt und Leben einen Sinn haben müssen, waren wir Jugendlichen, also Kinder im frischen Körper von Erwachsenen, mit unseren Lehrer*innen und Mitschüler*innen eingesperrt, und wurden darüber belehrt, dass dieser Roman eine Struktur, dass dieses Leben einen Sinn, dass diese Strömung einen Namen habe – einen, den wir dann brav aufsagten, wenn uns unsere Form des Jüngsten Gericht bevorstand. Der Test vor der Leinwand unterscheidet sich nicht von demjenigen, den Meursault vor Gericht nach seiner entscheidenden Missetat in der Mitte des Films nicht besteht. Der einzige Unterschied zwischen ihm und uns ist: Meursault interessiert es nicht, den Test des Lebens zu bestehen. Dafür bezahlt er mit dem selbigen, wie er sagt, ganz einfach. Ein lediglich akustisch gezeigter Cut – und die Hauptsache ist bei Ozon abgehakt.

©Foz Gaumont, France2Cinema, MacassarProductions / Foto: Carole Bethuel

Meursault – jung, gutaussehend, gefühlsleer – ist durch zwei Dinge definiert: Er gibt Dingen wie Liebe und Sünde kein Gewicht, und ist, wie immer wieder behauptet wird, nicht in der Lage zu lügen. Wir erfahren im Film nichts von seiner Innenwelt, weil scheinbar nichts davon übrig ist. Es herrscht, so der professionelle Fachbegriff von Gerard Genette, eine externe Fokalisierung. Mit dieser Fokalisierung treiben Camus und Ozon ihr Spiel: Wir wollen als Publikum (und damit auch als Gerichtspublikum, das später laut klagend und lachend im Gerichtssaal auftritt) nichts sehnlicher wissen als das Warum dieses Menschen – wie kann ein Mensch nur so unmenschlich sein. Sein immer wieder nur ex negativo angedeutetes Innenleben ist der Rote Hering, der die Handlung so spannend macht. Es ist der Umriss, die Erinnerung einer Karotte, die uns vor Augen gehalten wird – sind wir doch selbst alle so menschlich, und v.a. so scheinbar un-absurd.

In der Figur des Beichtvaters vor dem Ende wird dieser Mensch, der eingesperrt war in diesem Leben und nun eingesperrt ist in diesem Käfig, so lange mit religiösen Sinnbehauptungen gequält, bis er schließlich selbst vor Zorn entblößt, dass er dieses gefühlslose Leben als Entscheidung geführt hat. Dass es Sinn seiner menschlichen Freiheit war, sich aller menschlichen Sinnfragen entziehen dürfen zu wollen. Im Lichte der Sonne, die dann am Todesmorgen durch kleine Gullilöcher auf sein erschöpftes Gesicht fällt, bekennt sich der vielfach Überführte zu sich selbst, bekennt sich dazu, Fremder und Gegenspieler zu sein von Menschheit und allem, was diese Menschheit Leben und Menschlichkeit nennt. Er bezeichnet sich – trotz seiner Entscheidungsfähigkeit immer noch fern von jeder Lüge – als glücklich, so wie man sich Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen muss. Einer der berühmtesten Sprüche von Camus.

Nur zwei Mal bedient sich der Film dabei des direkten Zitats, und lässt in den Worten blumigen Feuerregen aus dem Himmel fallen. Einmal am Ende des Films, einmal in seiner Mitte, als Meursault den fatalen Fehler begeht, sich von der Sonne im Messer des Gegenübers blenden zu lassen, und zuerst im Reflex, dann im Reflex auf den Reflex weitere vier Male abzudrücken und zu treffen. Die fatale Sünde hinter dem Fehler ist dabei, sich mit dieser Tat endgültig den Gesetzen und Grenzen von Sünde und Unschuld ausgeliefert zu haben.
Jetzt kann er nicht mehr nur als nacktes Tier oder neutraler Körper leben.
Es ist nicht, wie Shakespeare sagte: „There is neither good or bad, but thinking makes it so.“
Auch unsere Handlungen bwirken diese Dichotomien, unweigerlich – denn das Leben ist nicht absurd. Und „Ich ist“ – in dem Fall nicht – „ein anderer.“, ein Sinnschnipsel von Arthur Rimbaud, der ähnlich wie Albert Camus oder Antoine de Saint Exupéry entscheidende Jahre seines Lebens in Nordafrika verbracht hat.

Vor kurzem habe ich HHHeat (1995) von Michael Mann gesehen, den wohl emotionalsten Actionfilm neben Crouching Tiger and Hidden Dragon (2000, Ang Lee), den ich je gesehen habe. Bei den Auftritten, die Robert De Niro, Al Pacino, Jon Voight und andere knallharte Kerls hingelegt haben, konnte ich mal wieder nicht anders als denken, dass die größten schauspielerischen Leistungen oft mit den größten Understatements einhergehen. Gerade in den Momenten höchster Anspannung wird keine Miene verzogen. Dahinter tut sich der gleiche Abgrund von Leben und Tod auf wie in den exaltiertesten Gefühlsbekundungen. Der Fremde stellt diese Zweiseitigkeit ebenso direkt aus. Letztlich kann ich mich glücklich schätzen, mich kaum an den Inhalt des Fremden erinnert zu haben: ein clean slate ist wohl die beste Voraussetzung, um sich das Leben eines Menschen anzusehen, der alles daran gesetzt hat, ein unbeschriebenes Blatt bleiben zu dürfen, und gerade an dieser Utopie zu scheitern. Und wer weiß: Vielleicht reicht dieser kleine Aufsatz ja für ein kleines Genügend Minus.

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