Written Tones: Buntspecht Edition

In dieser nagelneuen Kategorie schreiben unsere Autor*innen über ihre Lieblingsalben. Diesmal Stephanie über Buntspecht-Draußen im Kopf, Jakarta und die unerträgliche Leichtigkeit des Seins.

(c) Stephanie Madeleine Grechenig

Die Inspiration für den folgenden Artikel stammt von Sophie Passman #shoutouttoSophie. Sophie kreierte eine Art Dokumentation über ihre Gefühle, Gedanken und Erlebnisse, die sie mit dem Album „Blonde“ von Frank Ocean hatte. Ihr könnt das Ganze als Podcast auf Spotify hören, also unbedingt reinhören! Ich fand das Konzept direkt ansprechend und fragte mich, warum man das nicht auch auf andere Alben beziehungsweise Songs anwenden könnte. Dies wird die erste Version sein. Vielleicht werden noch weitere Projekte von anderen AutorInnen folgen, aber ich möchte mich nicht zu sehr darauf festlegen oder euch Versprechungen machen.

Der erste Gang

Heute auf dem Programm steht die österreichische Band „Buntspecht“ mit dem Album „Draußen im Kopf“. Buntspecht ist eine Konstellation aus sechs jungen Männern, die echt coole und für meinen Geschmack auch sehr einzigartige Lieder schreiben. Besonders ihre Texte haben mich des Öfteren echt umgehauen. Grund genug, mich ihrem Album zu widmen und auch mal so eine Dokumentation in Schriftform für Bohema oder falls es nicht veröffentlicht wird, ganz für mich selbst zu machen. (Anmerkung von Yannik, es wird veröffentlicht ;)

Kontext: Briefe aus Jakarta

Ihr müsst euch das so vorstellen. Ich (Stephanie) sitze gerade auf meiner Dachterrasse in Jakarta (Indonesien). Ich mache da nämlich gerade ein Praktikum. Es ist gerade sehr heiß, jfyi. Schweißperlen gleiten im Minutentakt über meine Gesichtszüge. Aber das ist ok. Ich bin das schon gewohnt. Nur am Rande: ich kenne das Album schon, also werde ich viel über meine Erinnerungen und Erfahrungen schreiben und noch ein Punkt, ich werde nicht alle Lieder kommentieren. Warum, könnte man sich fragen? Die Antwort ist: weil ich nicht bei allen Liedern starke Emotionen verspüre und ich euch nicht mit gekünstelten Gefühlen langweilen möchte. Nun schnappe ich mir meine rustikalen zerfledderten Marshall Kopfhörer und beginne mit dem ersten Lied.

„Wir“- April in der Straßenbahn nach einem langen Unitag

„Ja sag mir was du willst - Großteils zu viel“

„Sag mir, woran es dir fehlt (an Substanz)“

„Ja wir, Faszinieren uns an all den Dingen die nicht existieren“

Das Lied beginnt wie so oft bei Buntspechts Songs mit einem instrumentalen schrägen Sound. Wippend mit meinem Kopf schaue ich aus dem Fenster der 41. Bim und kann sagen, dass sich nach den ersten Sekunden im Lied mein Gemüt durchaus verbessert hat. Die Monate Januar bis März sind, wenn wir mal ehrlich sind, nur eine Belastung. Sie sind kalt, grau und versprechen nur wenig Perspektive. Das, was noch bleibt, ist die Nostalgie an bessere Tage.  Das kann der ersehnte Sommer sein, das kann die Erinnerung an eine Beziehung sein, die schweren Herzens zu Bruch gegangen ist oder das können Wunschvorstellungen an das nächste Reiseziel sein, wenn man hoffentlich bald eine stabilere finanzielle Situation in Aussicht bekommt. Versteht mich nicht falsch, Tagträumen oder besser gesagt einen ersehnten Wesenszustand sich auszumalen ist voll ok und ich meine auch zu sagen, völlig normal. Doch in Zeiten, in denen sich alles falsch und grau anfühlt, können diese Vorstellungen auch zur Qual werden. Denn anstatt den Augenblick zu leben, ihn zu sehen, ihn zu nehmen und zu nutzen, gleitet man in Gedankenströmen und erhängt sich an seinem eigenen Mitleid.

Faszination an den Dingen, die gar nicht existieren. Genau das ist es. Leute, die gerne alles überdenken, jeden Schritt und jede Aussage 1000x im Kopf durchgehen, sind damit sicher vertraut. Man malt sich Sachen aus, die sowieso nicht änderbar oder real sind. Ein Strudel des ewigen Grübelns.

„Unter den Masken“- überall und an jedem Ort

„Und wir liegen schon lang, sprich seit einer Stunde bei dir. Und ich seh dich bloß an, während du mich beinah berührst. Denn du wickelst meine Haare wie die Welt um deinen Finger und all die Dinge die waren sind deiner Meinung nach noch immer“

„Denn du bist verrückt genug, um dich in dieser Welt zu verlieben
Aber die Welt ist viel verrückter als du und fast wär etwas von uns geblieben“

 „Bitte ertränk mich, ja, bitte ertränk mich“

WOW… Als ich gerade erneut, wahrscheinlich zum 1000x, zum Refrain gelangt bin, hatte ich Gänsehaut. Unfassbar. Es ist die Hymne meiner Schmetterlingsphasen. Wie man betäubt eine kurze Ewigkeit verspürt, die nach ein paar Wochen oder wenn man Glück hat, Monaten meistens wieder abzischt. Aber die Verliebtheit, die auch mit einem Rausch verglichen werden kann und für nüchterne Personen doch meist absurd erscheint, lohnt sich doch zutiefst. Nicht wahr? Am Ende des Tages sind es doch genau diese Momente, die das Leben lebenswert machen. Doch so schön wie die Liebe auch ist, so ist sie zugleich das Gefährlichste beziehungsweise das Beängstigende, was wir besitzen. Buntspecht schafft es, mit schrägen Tönen und Versen, diesen Widerspruch zu vermitteln.  Das hier schreibe ich in einem Moment, in dem ich nicht verliebt bin und mehr Single bin, als mir lieb ist. Als mein Liebesleben spannender war, konnte dieses Lied meinen Zustand verstärken und mich in Wolkensektionen abfliegen lassen, an denen, wenn ich heute daran denke, gerade sehr gerne wäre. Danke, Buntspecht dafür.

„Rotweinmund“ - 5 Stunden lang auf einer Fähre. Empfand einen Maincharaktermoment als sich der Wind durch meine Haare verirrte und ich aufs Meer sah.

„Wenn ich in meinen Kopf verreis'
Misch' dich nicht ein
Lass mich alleine sein

So viel unterdrückt
Jeder hält was zurück
Man gibt nur ein wenig
Nur ein kleines Stück
Und glaubt es genügt
Denn keiner will wirklich alles
Jeder nur genug
Genug um zu verkraften
Und grad' so den Tag zu schaffen

Und jeder weiß nur genau so viel
Wie jeder traut sich zuzutrauen
Ja, jeder weiß nur genau so viel
Wie man glaubt zu verkraften

Jeder weiß nur genau so viel – wie man glaubt zu verkraften“

Drum auch weil die schönen unbekannten
Träumer, Maler, Musikanten
Ich lad euch jetzt ein zu tanzen
Denn alles ist Musik

„Und wir sind nur Wir sind nur jetzt“

„Ja hinter der Markise gleich unter meinem Bett Stapeln sich Liebesbriefe vollkommen unbefleckt und schreib, schreib, schreib sie niemals nieder Weils so schön vergänglich klingt“

Ach, egal, wie scheiße, die letzten Tage auch waren, wie schwer es war, der Wahrheit entgegenzusehen. Am Ende zählt nur dieser eine Moment, der dich bewegen und genießen lässt. Plötzlich hast du so ein Grinsen im Gesicht und fühlst dich schwerelos. Nichts und niemand kann dich aufhalten. Und du weißt, dass du diesen Moment auskosten musst, denn er ist vergänglich. Kurzfristige Manie, die den Alltag erträglich macht. Denn ja, es stimmt, wir sind nur wir, wir sind nur jetzt.

“Nabelschnur” - auf meinem Dach in Jakarta

Lyrikstellen die mich inspirierten:

„Alles streift, beinah' berührt
Und gestern mehr als heute spürt Sag, wo ist deine Nabelschnur
Zur Welt, was hält dich hier“

„Wie lange schon stirbt dein Herz?“

Gestern mehr als heute gespürt. Für lange Zeit nicht viel spüren, taub sein von dem Leben und einem selbst. Logisch, man muss auf den Boden der Tatsache zurückkehren. Gar nichts spüren ist manchmal sogar schlimmer, als Schmerz zu spüren. Doch die Kunst liegt darin, Akzeptanz diesem Zustand zuzuschreiben und mit ihm in Balance zu leben. Ich finde, das ist ein guter Abschluss. Denn so endet auch das Album. Auf dem Boden der Realität, zurück in die Gegenwart. Dort, wo Träume entstehen und seinen Nährboden haben und da, wo die Gefahr lauert, sich in diesen zu verirren, fangen wir an zu leben.

Amen

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