Gregor und Franz

Vielbesprochen und bis ins Unendliche interpretiert, weckt Die Verwandlung eine gewisse Erwartungshaltung. Lucia Bihler wagt sich im Akademietheater Wien mit einer sehr bunten Inszenierung an diese heran.

Krabbeltiere verboten /// (c) Marcella Ruiz Cruz

Als Franz Kafka eines Novembermorgens im Jahr 1912 aus unruhigen Träumen erwachte, hatte er eine zündende Idee: eine Erzählung zu schreiben. Über Angst, Entfremdung, Einsamkeit, eine Erzählung über einen Menschen, der sich verwandelt – oder verwandelt wird? Kafkas Todestag jährt sich dieses Jahr zum hundertsten Mal, pünktlich dazu inszeniert Lucia Bihler am Akademietheater Wien Die Verwandlung. Schon vorher hatte sie deutlich gemacht, dass es nicht um einen Käfer gehen wird (praktisch, Kafka selbst wehrte sich stark gegen eine bildliche Insektendarstellung) und dass aus ihrer Inszenierung auch keine hundertste verfachsimpelte Neuinterpretation der berühmten Novelle hervorgehen soll.

Dementsprechend lehnt der Abend sich an die vielen bereits vorhandenen Deutungsweisen an. Gregor Samsa (großartig körperlich dargestellt von Schauspielerin, Tänzerin und Choreographin Paulina Alpen) erwacht eines Morgens und wird auf gleichzeitig furchtbare und faszinierende Weise ausgebremst. Wollte er doch pünktlich seinen Zug erreichen, kann er sich nun nicht mehr bewegen, nicht mehr kommunizieren und sieht sich allerhand Peinlichkeiten und Problemen ausgesetzt. Natürlich ist der insektenartige Panzer nur ein Sinnbild (und taucht daher auch nicht als solcher auf der Bühne auf), interpretierbar als die Flucht Gregors vor einer kapitalistischen Gesellschaft, als sukzessives Vergessen- und Ausgeschlossen-Werden durch seine engsten Familienmitglieder, als Spiegel der schweren Beziehung zum Vater und vor allem als ein Symbol der Abschottung und Veränderung des Ichs. In Lucia Bihlers Inszenierung wird all das brav aufgegriffen und in verschiedenen Stadien der Metamorphose Gregors dargestellt – eigentlicher Drahtzieher ist dabei aber der Autor. 

Kafka als Figur

Jonas Hackmann führt als Franz Kafka nicht nur durch die Handlung, sondern leiht zusätzlich Gregor seine Stimme. Er verbalisiert dessen Gedankengänge, ist mal Beobachter, mal Mitspieler und man wird den Gedanken nicht los, Gregors missliche Lage wäre einfach ein cleverer Schachzug zum Erzählaufbau und quasi Kollateralschaden in seinem, Kafkas, Theaterabend. Zwischenzeitlich spiegeln sie einander, im gleichen grellorangen verschnittenen Kostüm. Eine solche Parallele bietet sich an, da zahlreiche biographische Bezüge zwischen dem Autor und Gregor Samsa existieren. Den Vergleich seiner selbst mit einem Ungeziefer legt Kafka seinem Vater Hermann in Brief an den Vater in den Mund.

Die Metapher des Tieres, leidend und stumm, wird für ihn Mittelpunkt seiner Existenz und dient außerdem als Anstoß für das Motiv der denkenden und handelnden Fauna in der Literatur. Da Tiere in Kafkas Wahrnehmung nur neben den Menschen, ihren „Besitzern“, herleben, jedoch nicht mit ihnen, entsteht durch das sprachliche Bild sofort ein tiefer Einschnitt zwischen Gregor (oder Kafka) und seiner Familie. Und besonders schwer wiegt das Emblem des Ungeziefers und der Behandlung als solches. Völlige Gleichgültigkeit gegenüber seiner Lage und seines Ablebens erfährt dann auch Samsa im Laufe des Abends. Sogar die zu sehr geliebte Schwester wendet sich ab. Sie ist es auch, die als Erste offen Ekel und Abscheu gegenüber Gregor kundtut.

Grelle Farben der Isolation

Auf der Bühne werden die einzelnen Handlungsetappen durch einen schwarzen Vorhang voneinander getrennt, dieser versteckt dann die ansonsten farbenfrohe Szenerie. Wie auch im Programmheft des Stückes zu lesen, sind sowohl Bühnenbild (Pia Maria Mackert), als auch Kostüme (Victoria Behr) stark von Kafkas Zeitgenossen, dem expressionistischen Maler und Grafiker Ernst Ludwig Kirchner, inspiriert. Leuchtende, fast stechende Farben geben dem Raum in dem Samsa, seiner Bewegungen stark eingeschränkt, die Tage verbringen muss, eine aggressiv- beklemmende Note.

Ein genialer Einfall ist es, das Zimmer zwischenzeitlich als Miniatur nachzubauen, so wirkt Gregor unendlich gewachsen und eingeengt, gleichzeitig kann Franz Kafka fast lässig vom oberen Rand des Kastens das Geschehen und seinen Protagonisten beobachten – leider taucht dieser Effekt nur einmal auf. Wie bereits in Bihlers bejubeltem Die Eingeborenen von Mariablut werden auch in der Verwandlung Gregors Schwester Grete (Stefanie Dvorak), Mutter Samsa (Dorothee Hartinger) und auch der Vater (Philipp Hauß) zwischenzeitlich in überdimensionale Masken gesteckt, diesmal jedoch nicht als naturalistische Gesichter, sondern in Form von verzerrten Grimassen. Der Prozess der Verwandlung betrifft demnach nicht nur Gregor, sondern die gesamte Familie. Die soziale Definition der Realität ist für Kafka vom Familiensystem bestimmt und Samsa kann nun, egal auf welche Art sich wer in was verwandelt hat, nicht mehr den privaten Anforderungen entsprechen und fällt damit aus dem familiären Rahmen.

Andererseits hieße Familienmitglied sein auch, sich der Macht des Vaters unterwerfen zu müssen, könnte also ein Verlassen der sozialfamiliären Bedingungen Gregors Befreiung herbeiführen? Bruno Latour beschreibt in seinem Essay Wo bin ich? Lektionen aus dem Lockdown (in Ausschnitten ebenfalls im Programmheft zu finden) das Verwandeln Gregors in ein Insekt als ein Entkommen, als ein endlich menschlich werden durch das über sich Hinauswachsen. Dementsprechend würde das Gregors Familie, allesamt zu keiner Verwandlung bereit, zu den wahren Unmenschen machen. „Man hat Kafkas Novelle verkehrt herum gelesen.“, schlussfolgert er. 

Söhne und Väter

Germanist Oliver Jahraus macht auf einen interessanten Querverweis aufmerksam, nämlich auf die von Kafka bewusst gezogene Verbindung zu einem weiteren Werk, Das Urteil. Gregor Samsa steht dort die Figur Georg Bendemann gegenüber, zwei von väterlicher Macht bestrafte Söhne. Georg Bendemann wird schlussendlich durch den Vater zum Tod verurteilt und auch Samsa stirbt, da ein vom Vater geworfener Apfel ihm im Rücken stecken bleibt. Der Apfel taucht im Akademietheater an mehreren Stellen auf, erstmals gleich zu Beginn des Stückes bedeutungsschwer von Kafka getragen und zuletzt riesenhaft vergrößert als unausgesprochenes Todesurteil Gregors.

Auch die Vertreibung aus dem Paradies könnte hier herausgelesen werden, Franz Kafkas Freund und Förderer Max Brod hatte die religiöse Symbolik in Kafkas Werken stark herausgearbeitet und unterstrichen. Durch den Aspekt des Glaubens tritt wieder Kafkas Verbindung zum Vater hervor, der ihm (laut eigenen Angaben innerhalb eines Briefwechsels) nichts als die Religion beigebracht hätte. Der Vater sieht Kafka als Narr, kränklich, distanziert und neurotisch und hat keinerlei Wertschätzung für die Literatur. Dieses „Feindbild“, einengende Familienverhältnisse und quälende Selbstmordfantasien müssen dem Autor schwer zugesetzt haben. Als er an Tuberkulose erkrankt, erscheint ihm dies nicht nur als gerecht, sondern sogar als Form der Erleichterung. Auch Gregor Samsa sieht dem Tod zuletzt voller Ruhe entgegen. An die Familie, die ihn zuvor noch beseitigen wollte (und mit Äpfeln beworfen hat), denkt er voller Liebe. 

Und dann (leider) doch ein Krabbeltier

Einen winzigen bewegenden Moment zwischen Samsa und dem Vater arbeitet Lucia Bihler aus der ansonsten so starken Unterdrückung (gern auch in Form von gleich vier Vätern auf der Bühne) heraus. Solche berührenden Feinheiten sind es, die den Abend von einem lustig angehauchten Anfang zu einem tragisch-beklemmenden Ende bringen. Zwischendurch fehlt es etwas an Antrieb, auch der Text kommt durch die dauerhafte Wiederholung des berühmten ersten Satzes nicht immer zur Geltung. Sehr schade: Trotz vorherigen Versprechens, es würde keinen Käfer geben, findet sich dann doch für einen kurzen Moment ein riesiges Insekt im Hintergrund der Bühne – das hätte es wirklich nicht gebraucht. Die verschiedenen Stadien Gregors Entfremdung von der Familie, der Gesellschaft und vor allem (vielleicht sogar am bedeutendsten) der eigenen Körperlichkeit und Identität werden auch ohne Käfer eindrücklich vermittelt.

Das Schlimmste für Samsa ist es nicht, einsam zu sein. Das Schlimmste ist, so anders als die anderen zu sein und von diesen dafür mit Missachtung bestraft zu werden. Sich fremd zu fühlen in der eigenen Gestalt kann zwar vorkommen, dafür braucht es aber ein gutes Auffangnetz und ein solches wird Gregor nicht geboten. Ob die Familie sich abwendet, weil er sich verwandelt oder ob Gregors Verwandlung überhaupt erst beginnt, weil er langsam aber sicher aus seiner Umgebung vertrieben wird, bleibt offen. Er ist losgelöst von seinem eigenen Körper, dieser vielleicht nicht mehr als nur eine Hülle. Oliver Jahraus betont zusätzlich die Veränderung vom personalen zum auktorialen Erzählstil in Kafkas Novelle, auch dort lässt sich erkennen, wie Gregor Stück für Stück ins Nichts verschwindet. 

Drehungen, Wendungen und ein überzeugender Abend

Die Figur des Gregor Samsa auf zwei Personen aufzuteilen, war ein Geniestreich. Abgesehen von den erstaunlichen Verrenkungen Paulina Alpens wird so die zentrale Aussage des Abends, nämlich das Auseinandergleiten von Körper und Identität als wahnsinnig aktuelles Thema und das damit einhergehende Entfernen aus der als „normal“ wahrgenommenen Realität optimal umgesetzt. Am Ende greift Bihler noch einmal in den Originaltext ein und sorgt damit für eine Wendung. Wer nach Die Eingeborenen von Mariablut hohe Erwartungen hatte, wird nicht enttäuscht. Regieteam und Ensemble gelingt eine tolle Inszenierung, die mit viel Applaus belohnt wird. 

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