Fleece

Grafik: @wnrkind

Ich sitze am kleinen Esstisch, am Ende des Zimmers, das Küche, Wohnzimmer und Schlafzimmer in einem ist. An diesem Tisch ist nur Platz für zwei, meist ist das mehr als genug. Meistens ist Papa schließlich allein. Er war es lange Zeit, nachdem Mama sich von ihm getrennt hatte. Jahre, in denen er sich um sich selbst kümmern konnte. Um sich selbst, manchmal um mich, seltener um Nada. Nada brauchte nie jemanden, der sich um sie kümmert, und falls doch, kümmerte sich Mama. Papa kümmerte sich jahrelang um sich selbst, später dann um seine neue Frau, die es genoss, sich um nichts kümmern zu müssen. Nun aber, da Papa es nicht mehr schafft, allein aus dem Bett zu steigen, sollte man sich um ihn kümmern. Ihn nicht allein lassen. Er ist es trotzdem oft.

Ich wollte für einen Monat in die Heimat fahren. Ihn einen Monat lang so häufig wie möglich besuchen, so viel wie möglich mit ihm sprechen, ihn so viel wie möglich fragen, solange es noch geht. Ich wollte in einem Monat all die darauffolgenden gutmachen, die ich nicht da sein würde. Weil es mich fünfzehn Stunden mit dem Bus kostet, herzukommen, neun Stunden mit dem Zug, neunzig Minuten mit dem Flugzeug, doch Direktflüge sind zu teuer, sodass ich in die nächstgrößere Stadt buchen müsste, und von dort aus sind es nochmal mindestens zwei Stunden Fahrt, und auch das kostet, und das kann ich mir nicht leisten, dazu hab ich das Geld nicht, die Zeit nicht, den Bezug zu Papa nicht (aber sowas darf man nicht mal denken) und deswegen bin ich nicht alle paar Wochen da, sondern einen Monat am Stück. Einen Monat mit nur achtundzwanzig Tagen. Ich bin am dritten angekommen, ich fahre am siebenundzwanzigsten, das ist in vier Tagen, aber immerhin war ich da, bin es gerade, sitze am kleinen Esstisch, im selben Zimmer wie Papa.

Es ist das zweite Mal in zwanzig Tagen, dass ich Papa besuche. Ich habe Papa in diesen Tagen häufig angerufen. Ihn gefragt, ob ich vorbeikommen solle. Ihm etwas zu Essen bringen. Papa hat weder Ofen, noch Herd. Papa hat nur die schmale Küchenzeile, den kleinen Kühlschrank, einen Wasserkocher, eine Mikrowelle. Papa isst Fertigsuppen, die er mit kochendem Wasser aufgießt. Papa isst gefüllte Krapfen aus dem Supermarkt. Papa isst höchstens einmal am Tag und nicht auf. Als ich anrief und fragte, ob er Hunger hätte, hatte Papa gerade erst gegessen. Papa sagte, kochen sei unnötig, er bekomme ja sowieso kaum was runter. Ich sagte, ich würde auch so vorbeikommen, ohne Essen, um ihn zu sehen. Ich würde mich freuen, ihn zu sehen. Papa sagte, ich solle besser wann anders anrufen. Als ich wann anders anrief, hatte Papa einen Termin im Spital, der Stunden dauern würde. Oder war müde von irgendeiner Untersuchung. Oder war müde, ohne einen Grund zu nennen. Als ich anrief, sagte Papa: Das ist schön, dass du anrufst, aber ich habe gerade geschlafen, mit mir ist heut nichts anzufangen, vielleicht am Mittwoch. Am Mittwoch rief Papa mich an, er hätte sich sehr auf mich gefreut, müsse aber leider absagen, weil seine Frau Migräne hätte und ihre Ruhe

braucht. Zwischen all diesen Dingen, die Papa mir am Telefon sagte, sagte er an zwei Tagen ja. Zwei Tage im Abstand von zehn. Einen dritten wird es vermutlich nicht geben. In vier Tagen bin ich schließlich wieder in Wien.

Ich sitze am kleinen Esstisch, in dem Teil des Zimmers, das die Küche ist, und schaue zum anderen Ende des kleinen Raums, in dem das Zimmer Schlafzimmer ist. Papa liegt in der Mitte seines schmalen Bettes; neunzig Zentimeter, die nicht mit einer zweiten Hochzeit gerechnet hatten und sich wegen des Platzmangels auch danach nicht ausbreiten konnten. Meistens sind neunzig Zentimeter jedoch mehr als genug. Seit Papa nicht mehr aufstehen kann, lässt seine neue Frau ihn liegen. Sie wirft ihm vor, dass er nicht aufstehen kann. Dass er sich nicht mehr um sie kümmern kann. Dass ihre Aussicht auf ein besseres Leben sich in ein einsames verwandelt hat. Sie wirft ihm vor, bald allein zu sein und vergisst darüber, dass er nicht nur sie, sondern die ganze Welt allein lassen muss. Dass er als einziger gehen muss. Sie nimmt es ihm übel und sein Pflegegeld, vertrinkt es in schäbigen Kneipen, ist selten zuhause und falls doch, wäre es besser, sie wäre es nicht.

Vom Esstisch aus blicke ich auf Papas Gesicht, das blass und ausgehöhlt aus seiner Decke schaut. Ich schau ihn an und denke an früher. Versuche, an schöne Momente zu denken. Mit Papa und Nada Rehe füttern im Tierpark. Mit Papa und Nada auf dem Boden sitzen und Mau-Mau spielen. Mit Papa und Nada auf langen Waldwanderungen, bei denen ich mir Blasen an den Fersen laufe und Papa mich auf seine Schultern hebt. Erinnerungen, in denen Nada nicht älter als zwölf und ich nicht älter als acht bin. Ich versuche, mich an sein Gesicht zu erinnern, bevor es abgemagert war. Bevor seine Haut gelblich wurde und die Augen blutunterlaufen und übergroß. Ich versuche an eine Zeit zu denken, in der Papa nicht krank war. Ich weiß nicht, ob es sie je gab.

An Weihnachten brachten wir Papa zu einer Ärztin, die uns sagte, was ihm fehlt. Die uns sagte, dass, was ihm fehlt, nicht mehr zurückkommen würde. Dass ihm ab jetzt immer mehr fehlen würde. Die uns seine Behandlungsmöglichkeiten aufzählte (drei), seine Genesungsaussichten (null), die Zeit, die ihm noch bliebe (ein halbes), die sich wunderte über eine gebrochene Rippe, die scheinbar nie behandelt wurde, ob wir davon wüssten (nein). Damals wussten wir von nichts.

Papas Augen sind auf die Fleecedecke gerichtet, die ihn zudeckt. Die ihn an beiden Seiten zusammenhält. Die die harten Konturen seines blessierten Körpers entblößt, während er sie zu verstecken versucht. Ich blicke ihn an, stumm, wie ich es schon letztes Mal war, wie wir beide es letztes Mal waren, stumm und schwer und träge. Ich dachte, ich müsse die Zeit nutzen, um Fragen zu stellen, doch nun, da ich könnte, fällt mir keine ein. Mir fällt nichts ein, was er mir noch sagen könnte, was zu hören wichtiger wäre, als ihn einfach nur zu sehen, solange es noch geht.

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