Die Produktion des Bemerkenswerten

Über das Berliner Theatertreffen, das ‚Bemerkenswerte‘ als self-fulfilling prophecy und die Abschaffung der Frauenquote.

Arthur Schnitzlers Fräulein Else ist einer der Literaturklassiker, die für die Bühne adaptiert beim diesjährigen Theatertreffen gezeigt wurden. /// Marcel Urlaub (c)

‚Bemerkenswert‘ ist das maßgebliche Wort des Berliner Theatertreffens. Zehn Inszenierungen werden jährlich zum wichtigsten Festival des deutschsprachigen Theaters eingeladen. Eine Jury aus Theaterkritiker*innen wählt sie aus und hat hierfür dieses Jahr über 700 Produktionen gesichtet. Zum Theatertreffen eingeladen werden jene zehn, die ihr nicht notwendig als die ‚besten‘, wohl aber als die ‚bemerkenswertesten‘ der Saison erscheinen.

‚Bemerkenswert‘ besitzt dabei zwei Dimensionen. Einerseits verdeutlicht das Wort den Anspruch des Theatertreffens, herausragende Produktionen zu präsentieren. Andererseits beschreibt es einen Effekt des Festivals selbst, der sich als self-fulfilling prophecy verstehen lässt. Die zehn bemerkenswertesten Inszenierungen sind nicht zuletzt deshalb so bemerkenswert, weil über sie infolge ihrer Einladung mit Abstand die meisten Bemerkungen gemacht werden: auf Podien, in Theaterfachzeitschriften, Feuilletons und in den Gesprächen beflissener Theaternerds. Die deutschsprachige Theaterszene kommt in Berlin zusammen, um ausgehend vom Gesehenen zu diskutieren. Das Festival ist damit ein entscheidendes Instrument der Aufmerksamkeitsökonomie des Kulturbetriebs: Eine Einladung hebt Inszenierungen aus dem unübersichtlichen Flimmern der Spielpläne hervor und rückt sie ins Bedeutsamkeit garantierende Spotlight.

Welche Bemerkungen wurden über die diesjährige 10er-Auswahl geäußert?

Bereits vor Festivalbeginn erschienen zahlreiche Kommentare darüber, was an den zehn eingeladenen Inszenierungen selbst bemerkenswert sei. Auf nachtkritik.de wurde etwa die Unterrepräsentanz explizit dokumentarischer Arbeiten beklagt und der Jury eine Vorliebe für verschlüsselte Kunstsprachen diagnostiziert. Ein Großteil der eingeladenen Inszenierungen entzündet sich an ‚großer Literatur‘: Fünf der zehn Inszenierungen sind Roman-Adaptionen. Hinzu kommen Umsetzungen kanonischer dramatischer Texte von Tennessee Williams, Friedrich Schiller und Carl Zuckmayer.

Verglichen mit der letztjährigen Auswahl — in der etwa das Tanztheater Kontakthof – Echoes of ’78 oder die VR-Installation [EOL]. End of Life vertreten waren — wirkt das diesjährige Programm formal nicht sonderlich divers. In der Vormacht eines an kanonischer Literatur arbeitenden Regietheaters hält lediglich Florentina Holzinger mit ihrer Kot-Orgie A Year without Summer die Fahne der Performancekunst hoch. Doch selbst ihr Ruf des Unkonventionellen verblasst: Mit ihrer vierten Theatertreffen-Einladung innerhalb von sechs Jahren ist Holzinger eingehegter Teil des gegenwärtigen Kanons.

Florentina Holzinger fährt gerade in Venedig Jetski. Ihre Performance A Year without Summer wird erst im Oktober als Nachspiel des Theatertreffens aufgeführt. /// Nicole Marianna Wytyczak (c)

Dass sich die Jury vor allem für originelle theatrale Zugriffe auf etablierte Literatur begeistert, offenbart ihr Interesse an einem regiezentrierten Theater. Den eingeladenen Arbeiten gelingt es immer wieder, den zumindest Bildungsbürger*innen vertrauten Stoffen neue Dimensionen abzuringen. So bringen etwa Regisseurin Leonie Böhm und Schauspielerin Julia Riedler Arthur Schnitzlers Novelle Fräulein Else über sexuelle Erpressung schillernd auf die Bühne, indem sie das Publikum in der Ambivalenz als schuldige Voyeur*innen und potenziellen Kompliz*innen positionieren. Thomas Melles Roman Die Welt im Rücken über seine eigene bipolare Störung wird von Lucia Bihler vor einem rosafarbenen Theatervorhang inszeniert, vor dem der Protagonist verzweifelt versucht, seine brüchigen, unlesbaren Erfahrungen in eine Form zu überführen, die kulturelle und menschliche Anerkennung ermöglicht.

Die Stars des Theatertreffens sind folglich Regisseur*innen, die sich souverän im Kanon der Weltliteratur orientieren, sich an ihm abarbeiten und ihm intellektuell wie ästhetisch etwas hinzufügen können. Für sie bedeutet die Einladung Renommee. Das Theatertreffen erwies sich immer wieder als Sprungbrett: Künstler*innen wie Florentina Holzinger und Ersan Mondtag erfuhren durch ihre Einladungen enorme Anerkennungen und Aufmerksamkeit und etablierten sich schnell als gefragte Namen der Gegenwartskunst: von der großen Opernbühne bis zum nationalen Pavillon auf der Kunstbiennale von Venedig dürfen sie alles bespielen.

Diskurse schaffen Realitäten

Das Theatertreffen funktioniert als selbsterfüllende Prophezeiung. Die für Anerkennung im Kulturbetrieb unerlässlichen Bemerkungen entstehen durch das verliehene Prädikat ‚bemerkenswert‘. Die Jury besitzt die Macht, zu bestimmen, worüber die Theateröffentlichkeit spricht und schafft so Realitäten. Gerade deshalb ist die am letzten Festivaltag verkündete Entscheidung der Jury problematisch, die seit 2020 konsequent angewandte 50-prozentige Frauenquote unter den eingeladenen Regisseur*innen nicht fortzuführen. Wenn Jury-Mitglied Christine Wahl ihren Text zur Verteidigung dieser Entscheidung unter den Titel „Alleinstellungsmerkmal Ästhetik“ stellt, verkennt das die Realitäten schaffende Macht des Theatertreffens. ‚Ästhetik‘ ist weder eine ideologiefreie Kategorie, noch sollten bei der Gestaltung der realen Welt ästhetische Kriterien gegen ethische ausgespielt werden. 

Ein Festival wie das Theatertreffen kann sich nicht darauf ausruhen, bestehende, weiterhin von Gender-Ungerechtigkeit geprägte Realitäten abzubilden. Durch den Verzicht auf die Quote steht stärker denn je zur Debatte, welche Realitäten das Festival herstellen wird. Das Auswahlverfahren ohne Quote wurde zunächst für zwei Jahre beschlossen. Anstatt der gegenwärtigen Rückkehr zum vermeintlich unschuldigen Auswahlkriterium ‚Ästhetik‘ wäre eine FLINTA-Quote oder ein Männerlimit ab 2029 überzeugender. Denn das aktuelle Argument einiger Jury-Mitglieder, eine Frauenquote sei angesichts inszenierender nicht-binärer Personen nicht mehr zeitgemäß, ist nicht progressiv, sondern faul.

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