Der Saal ohne Jahreszeiten

Im Februar veröffentlichen wir jeden Sonntag eine Kurzgeschichte aus unserem Open Call. Texte, in denen der Monat Raum, Zustand oder leises Hintergrundklirren ist. Diesen Sonntag, ein Text über einen Saal, in dem die Zeit stillsteht und nichts eindeutig bleibt.

100 % Saal /// 0% Jahreszeiten /// 25% Kurzgeschichten im Februar

Der Saal ohne Jahreszeiten /// © David&Juli

Es gibt Februar, die nur draußen stattfinden. Und es gibt Februar, die in einem selbst wohnen. Meiner hatte sich irgendwann vor ein paar Jahren eingenistet. Ohne Anmeldung, ohne Vorwarnung. Eines Tages war er einfach da. Und seitdem blieb er. Auch dann, wenn Hitze flirrend über dem Asphalt lag und die Bäume sich vor lauter Sommer kaum halten konnten. Die Menschen liefen in Shorts herum, tranken Eiskaffee, lachten und taten so, als wäre die Welt ein Ort, an dem Wärme etwas Selbstverständliches sei. Für mich war Wärme eine Erinnerung.

Vielleicht ging ich deshalb so oft ins Kino. Dort war es nie kalt. Und nie warm. Dort gab es nur Licht und Dunkelheit und die waren verlässlicher als jede Jahreszeit. Manchmal fragte ich mich, ob Menschen nicht genau deshalb erfunden hatten, was wir Geschichten nennen: um etwas zu haben, das funktioniert, selbst wenn alles andere es nicht mehr tut.

Drei-, manchmal viermal in der Woche ging ich hin. Manchmal schaffte ich es auch fünf Mal. Es war leicht, sich dafür Ausreden zurechtzulegen. Filme als kulturelles Interesse. Als Leidenschaft. Als harmloses Hobby. Niemand stellte Fragen, solange man sie überzeugend genug beantwortete. Und ich war gut darin geworden, überzeugend zu sein. Eine Freundin sagte einmal, ich würde leben, als wäre ich auf der Flucht vor meinem eigenen Kopf. Ich lachte damals, aber zu lange. Als hätte ich ein Geheimnis verteidigen müssen, von dem ich selbst nichts wusste.

Im Kino allerdings… im Kino war alles still. Das war ein Unterschied, den man erst versteht, wenn man ihn erlebt hat. Stille ist kein Mangel an Geräusch. Sie ist ein Zustand. Ein Raum, der nichts von einem will. Keine Reaktion, keine Haltung, keine Erklärung. Dort wartete niemand auf Antworten. Niemand erwartete, dass man etwas sagte oder fühlte oder richtig deutete. Man saß einfach da, im Dunkeln, umgeben von fremden Körpern, die einem nichts bedeuteten. Menschen, die man nicht kennen musste, um sich ihnen näher zu fühlen als manchen, die einen beim Namen nannten. Dort konnte ich für 100 Minuten jemand anderes sein: ein Detektiv, ein Astronaut, ein unglücklicher Liebhaber, ein Held, ein Monster.

Oder nichts. Nichts war oft das Beste. Nichts bedeutete keine Entscheidungen. Kein Bedauern. Kein Morgen, das schon gestern begonnen hatte. Es bedeutete, für eine Weile nicht greifen zu müssen, was sonst ständig nach mir griff. Nicht nachzudenken über verpasste Anrufe oder über die Art, wie Gespräche versandeten, weil ich aufhörte, Fragen zu stellen. Im Kino war ich nicht jemand, der sich entfernte. Ich war einfach nicht da.

Doch eines Abends, an einem Donnerstag im tiefsten Februar, begann etwas, das mir später wie der Moment vorkam, in dem man unbewusst auf dünnes Eis tritt. Es knackt nicht sofort. Zuerst ist es nur ein Gefühl, ein kaum hörbares Nachgeben. Erst viel später merkt man, dass man längst eingebrochen ist und die Oberfläche einen nicht mehr trägt. Dieser Donnerstag war mein erster Schritt.

Der Schnee fiel dicht, während ich zum Kino ging. Eine Art wolliger Schneefall, der nicht hübsch war, sondern schwer und nass. Die Straßenlaternen warfen gelbe Inseln auf den Boden, in denen der Schnee kurz glitzerte und dann zu grauem Matsch wurde. Als ich durch die Drehtür des Kinos trat, empfing mich die bekannte Mischung aus abgestandener Wärme und Gerüchen, die mich schon ein halbes Leben begleiteten: Popcorn, das zu lange unter der Lampe lag. Kunstleder. Reinigungsmittel, das nie ganz den muffigen Teppichgeruch überdeckte.

Ich hatte mein Ticket bereits online gekauft. Saal fünf, Spätvorstellung, ein Film, den ich schon einmal gesehen hatte. Ein Thriller mit dunklen Straßen und noch dunkleren Geheimnissen. Ich mochte ihn. Er brachte meine inneren Schatten zum Schweigen. Ich zeigte kurz mein Handy, bekam ein knappes Nicken, dann stieg ich die Treppe nach oben. Saal fünf war halb leer. Ein paar Pärchen, ein paar Grüppchen. Niemand, der meine Anwesenheit bemerkte. Ich ging zu Reihe neun, meinem Platz seit Jahren: Reihe neun, Sitz sieben.

Wenn ich manchmal scherzhaft dachte, wenn ich jemals spurlos verschwinde, sucht zuerst hier, dann war das nur halb ein Scherz. Ich setzte mich. Klappte den Sitz runter. Spürte die vertraute Federung. Ich war angekommen. Der Film begann wie immer. Alles war normal. Die Frau im Film, ich kannte ihren Namen noch, lief durch eine dunkle Gasse. Es regnete. Der Sound war so gut, dass man fast glaubte, den Regen im Nacken zu spüren. Doch der Regen im Film wirkte plötzlich zu echt.

Nicht wie Sounddesign, sondern wie etwas, das durch die Leinwand tropfen könnte, wenn man nur lange genug hinsah. Es begann mir vorzukommen, als würde der Ton nicht aus versteckten Lautsprechern kommen, sondern aus den Ecken des Saals selbst, aus dem Dunkeln zwischen den Sitzen, aus den Schatten unter den Armlehnen, aus dem Raum hinter meinem Rücken.

Zuerst dachte ich, ich hätte mich verhört, als die Schritte hinter mir begannen. Ein weiches, schleppendes Geräusch, das sich mit dem Geräusch des Regens mischte. So als würde jemand barfuß über feuchten Teppich gehen.

Ich saß ganz ruhig, so ruhig, dass ich mein eigenes Herz pochen hörte, ein schweres, bohrendes Hämmern, viel zu laut für diesen stillen Saal. Die Schritte kamen näher, so langsam und mit so viel unruhiger Absicht, dass es fast so wirkte, als würde jemand überlegen, ob er zu mir kommen durfte.

Und dann blieb der Film einfach stehen. Die Frau im Film erstarrte mitten im Schritt. Das Bild flackerte, als würde der Projektor Luft holen. Die Regentropfen in der Szene hingen in der Luft, als wären sie eingefroren. Und die dunkle Gasse hinter ihr war wieder einen Hauch dunkler geworden, zu dunkel für einen normalen Film. Ich konnte nicht anders, ich griff instinktiv nach der Armlehne, als müsste ich mich festhalten, um nicht hinein zu fallen.

Dann bewegte die Frau im Film den Kopf. Langsam. Langsamer, als menschlich möglich war. Es war ein Ruckeln, ein Zucken, wie eine Puppe, die von unsichtbaren Fäden gezogen wurde. Sie hob den Blick und sah mich an. Nicht die Kamera. Nicht das Kino. Mich. Glasklar. Kalt. Wie ein Blick, den man nur bekommt, wenn einen jemand aus dem anderen Ende eines Albtraums mustert. Das Licht des Projektors flackerte wieder. Und genau dann hörte ich zum ersten Mal die Stimme. „Du warst gestern schon hier.“ Sie flüsterte es. Aber nicht aus den Lautsprechern. Nicht von vorne. Die Stimme kam aus der Dunkelheit hinter meinem rechten Ohr. So nah, dass ich den warmen Atem fühlen konnte.

So nah, dass ich merkte, wie sich feine Härchen an meinem Nacken aufstellten. Ich drehte mich ruckartig um. Niemand. Nur eine Reihe leerer Sitze, die sich nach hinten zogen und in der Finsternis verschwanden. Eine Finsternis, die jetzt dichter war. Schwärzer. Wie das offene Maul eines Tunnels.

Ich zwang mich, wieder nach vorne zu schauen. Da stand die Frau im Film jetzt direkt am unteren Rand der Leinwand. Viel näher als im Original. Auf eine Art, wie Kameras eigentlich nicht filmen konnten, zu groß, zu präsent, so nah, dass man die kleinen Risse in ihren Lippen sehen konnte, das feine Zittern unter ihrem Auge, die Körnigkeit ihrer Haut, als wäre ich wenige Zentimeter von ihrem Gesicht entfernt.

„Warum kommst du wieder?“ flüsterte sie. Und diesmal kam die Stimme aus beiden Seiten gleichzeitig. Links und rechts. Nah und fern. Als würde sie im Saal kreisen und gleichzeitig direkt in meinem Kopf sprechen.

Ich spürte, wie etwas an der Rückenlehne meiner Sitzreihe kratzte. Ein langgezogenes, langsames Geräusch. Wie etwas Metallisches, das über Kunststoff fuhr. Von hinten. Schräg. So, als würde jemand den Finger an der Rückseite meines Sitzes entlangziehen. Ich sprang auf. Nicht, weil ich wollte, mein Körper tat es einfach, als hätte er entschieden, dass ich keine Zeit mehr hatte, über Mut oder Feigheit nachzudenken. Als ich stand, fiel mein Schatten über die Leinwand. Und die Frau auf dem Bild verzog das Gesicht. Nicht erschrocken. Wütend.

Ihre Lippen verzogen sich in einem Laut, den ich nicht hörte, weil der Ton plötzlich komplett tot war. Als hätte jemand die Welt auf „lautlos“ gestellt. Nur der Projektor brummte weiter. Dieses alte, zittrige Summen, das auf einmal klang wie… Atmen. Ein schweres Ausatmen. Ein Einatmen. Wieder und wieder. Ich ging langsam rückwärts, Schritt für Schritt. Doch der Saal veränderte sich. Die Sitze links und rechts schienen sich zu verzerren. Nicht sichtbar, eher spürbar. Als würden sie etwas anziehen. Oder jemandem Platz machen. Jemandem, der durch die Gänge ging.

Nicht neben mir. Zwischen den Reihen. Unsichtbar. Schwer atmend. Ich rannte nicht. Noch nicht. Aber mein Atem ging schnell. Und dann passierte etwas, das mir bis heute Gänsehaut macht: Die Frau im Film bewegte sich. Sie trat einen Schritt aus dem Bild. Nicht aus der Handlung, aus der Leinwand. Nur einen halben Schritt. Nur weit genug, dass ihr Gesicht einen Schatten auf den vorderen Teil des Kinos warf. Ein realer Schatten. Nicht projektiert. Er fiel über den Boden, lang und seltsam verdreht und kam bis zur Mitte des Saals, viel zu weit. Sie hob langsam den Arm. Ihre Hand war klein, schmal, sie zitterte. Sie zeigte auf mich. Das Bild rauschte, verzerrte sich. Der Projektor röhrte. Und dann sagte sie: „Du bist nicht allein.“ Das war der Moment, in dem ich endlich rannte.

Ich stolperte die Stufen hinunter, spürte den Teppich unter meinen Schuhen, dumpf, als wäre unter dem Teppich Wasser. Oder… etwas anderes. Als ich den unteren Rand des Saals erreichte, hörte ich etwas, das mir den Boden aus den Füßen zog: Schritte. Hinter mir. Aber viele. Zu viele.

Nicht menschliche Schritte. Nicht gleichmäßig. Ein Scharren, ein Krabbeln, ein Tappen, ein schweres Stampfen, als würde eine ganze Gruppe von Dingen, die nie Mensch gewesen waren, gleichzeitig losgehen. Ich riss die Tür zum Flur auf. Doch bevor ich hinaustrat, hörte ich es noch einmal: „Der Winter ist nicht draußen.“

Aber diesmal klang es nicht wie die Frau im Film. Nicht wie eine einzige Stimme. Es war ein Chor. Tief. Dumpf. Flüsternd. Und voller Hunger. Ich rannte hinaus. Ich lief weiter. Der Wind pfiff durch die Gassen, doch ich war sicher, dass irgendetwas anderes mitlief.

Nicht in einem Abstand, den man sieht. Sondern in einem Abstand, den man spürt. Vielleicht bin ich deshalb sicher: Ich werde zurückgehen. Nicht aus Neugier. Nicht aus Mut. Sondern weil das Ding im Saal mich gefunden hat. Und weil es etwas von mir will. Etwas, das ich ihm offenbar schon längst schulde. Vielleicht einen weiteren Besuch. Vielleicht mehr. In den Tagen nach dem Kinoabend begann ich Dinge zu bemerken, die mir vorher nie aufgefallen waren. Oder vielleicht waren sie immer schon da gewesen und ich hatte sie nur übersehen, weil ich wusste, wie man wegsieht. Der Februar war plötzlich lauter.

Nicht im meteorologischen Sinn. Es schneite nicht mehr als sonst. Die Temperaturen fielen nicht dramatischer. Aber Geräusche hatten sich verändert. Schritte hallten länger nach. Türen schlossen sich mit einem dumpferen Ton. Selbst mein Atem klang mir fremd, als würde er nicht ganz zu mir gehören.

Ich schlief schlecht. Wenn ich überhaupt schlief. Immer wieder wachte ich kurz vor dem Einschlafen auf, mit dem Gefühl, dass jemand meinen Namen sagen wollte, es sich aber im letzten Moment anders überlegte. Es war kein Geräusch. Es war ein Impuls, ein Druck hinter der Stirn, wie ein Gedanke, der nicht meiner war. Und dann begannen die Filme. Nicht im Kino. In meinem Kopf.

Ich saß am Küchentisch und starrte auf eine Tasse Kaffee, die längst kalt geworden war, und plötzlich sah ich Bilder: eine dunkle Gasse, Regen, das Gesicht der Frau von der Leinwand. Aber sie war nicht mehr Teil eines Films. Sie stand einfach da. Sah mich an. Sagte nichts.

Ich wusste, dass das nicht normal war. Ich wusste es. Und doch tat ich nichts dagegen. Vielleicht, weil ein Teil von mir froh war, dass endlich etwas passierte.

Ich ging wieder ins Kino. Natürlich tat ich das. Nicht sofort. Ich wartete drei Tage. Drei lange Nächte. Aber am vierten Abend stand ich wieder vor der Drehtür, als wäre sie ein Magnet und ich nichts weiter als Metall.

Saal fünf. Spätvorstellung. Diesmal war ich früher da als sonst. Der Saal war leer. Komplett. Kein Flüstern, kein Rascheln, kein Licht von Handydisplays. Ich setzte mich nicht sofort. Ich blieb stehen, lauschte. Stille. Eine Stille, die nicht leer war, sondern gespannt. Wie der Moment vor einem Gewitter, wenn die Luft schwer wird und alles auf etwas wartet.

Ich setzte mich trotzdem auf meinen Platz. Reihe neun. Platz sieben. Der Film begann. Ein anderer Film diesmal. Ich hatte bewusst einen gewählt, den ich noch nie gesehen hatte. Ich wollte nicht, dass mein Gedächtnis mir Streiche spielte. Doch nach etwa zwanzig Minuten wusste ich: Das spielte keine Rolle. Die Geschichte auf der Leinwand begann, sich um Dinge zu drehen, die mir zu vertraut waren, um Zufall zu sein. Zuerst war es nur ein Detail, das ich übersehen wollte: ein Mann, der alleine lebte, in einer Wohnung, die zu ordentlich war für jemanden, der noch Erwartungen an Besuch hatte. Dann ein weiteres: ein Mann, der seine Abende nach einem festen Rhythmus verbrachte, der nicht wie eine Entscheidung wirkte, sondern wie eine Gewohnheit, die längst entschieden hatte. Der Mann auf der Leinwand suchte immer wieder denselben Ort auf. Nicht aus Notwendigkeit. Nicht aus Pflicht. Sondern aus einer Art stiller Übereinkunft mit sich selbst. Er ging dorthin, wenn der Tag zu viel wurde. Wenn Gespräche ihn erschöpft hatten. Wenn draußen etwas wartete, das er nicht benennen wollte. Der Ort war anonym, dunkel, funktional. Ein Raum, der nichts verlangte. Ein Raum, der verlässlich war.

Ich kannte diesen Raum. Ich lachte leise, nervös. Zufall. Natürlich Zufall. Dann sah der Mann im Film direkt in die Kamera.

Und sagte: „Du sitzt wieder richtig.“

Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog. Ich wollte aufspringen, aber mein Körper reagierte verzögert, als hätte jemand die Verbindung zwischen Gedanken und Muskeln gedrosselt. Diesmal hörte ich keine Schritte. Diesmal spürte ich Gewicht. Die Sitzlehne neben mir senkte sich minimal. Gerade so viel, dass ich es merkte. Als hätte sich jemand hingesetzt. Ich sah nicht hin. Ich wusste, dass ich es nicht sollte. Stattdessen hörte ich die Stimme, nicht mehr flüsternd, sondern ruhig, sachlich, beinahe freundlich: „Du hast hier gelernt, wie man verschwindet.“

Das Bild auf der Leinwand wechselte. Kein Filmschnitt. Kein Übergang. Einfach ein neues Bild. Ich sah den Kinosaal. Meinen Kinosaal. Reihe neun. Platz sieben. Und dort saß ich. Ich hielt den Atem an. Mein Spiegelbild auf der Leinwand bewegte sich minimal verzögert, wie bei einer schlechten Übertragung. Die Augen waren dunkler. Müder. Älter.

Die Stimme sprach weiter, jetzt nicht mehr neben mir, sondern aus allen Richtungen gleichzeitig: „Du glaubst, du kommst hierher, um dich zu verlieren.“

„Aber du kommst, um übrig zu bleiben.“ Plötzlich erinnerte ich mich an Dinge, die ich lange verdrängt hatte. An Gespräche, die ich abgesagt hatte. An Menschen, die irgendwann aufgehört hatten, anzurufen. An Einladungen, die ich ausgeschlagen hatte, weil ich „schon etwas vorhatte“.

Ich hatte nicht gelogen. Ich hatte nur nicht gesagt, was. Das Kino. Die Stimme fuhr fort: „Jedes Mal, wenn du hier sitzt, gibst du etwas ab.“

„Nicht viel. Nur ein bisschen.“

„Aufmerksamkeit. Anwesenheit. Wärme.“

Die Gestalt neben mir bewegte sich endlich. Ich wagte einen Blick. Da saß niemand Fremdes. Da saß ich. Nicht genau ich, eher eine Version, die ich hätte werden können. Oder vielleicht längst geworden war. Blasser. Ruhiger. Mit einem Ausdruck, der nicht leer war, sondern… abgeschlossen.

Er – oder ich – lächelte schwach.

„Ich bin der Teil von dir, der geblieben ist,“ sagte er. „Während du draußen weitergemacht hast.“

Die Leinwand zeigte jetzt Szenen aus meinem Leben. Keine dramatischen. Keine großen Wendepunkte. Nur kleine Momente: wie ich alleine nach Hause ging. Wie ich Einladungen löschte. Wie ich mich für einen Film entschied, statt für Menschen. Der Horror lag nicht in Monstern. Er lag in der Erkenntnis.

„Das Kino frisst dich nicht,“ sagte die Stimme. „Es bewahrt dich.“

Ich verstand plötzlich. Der Saal war kein Ort. Er war ein Zustand.

Ein Raum, den man betrat, wenn man lange genug verschwand. Wenn man sich oft genug entschied, Beobachter zu sein statt Teil der Handlung. Die Frau aus dem ersten Film. Die Schatten. Die Stimmen. Das waren keine Wesen. Es waren Reste. Zurückgelassene Versionen von Menschen, die nie ganz gegangen waren.

Die Gestalt neben mir stand auf. Ich spürte die Kälte sofort.

„Du kannst gehen,“ sagte sie.

„Aber etwas von dir bleibt.“

„Oder du bleibst und draußen wird es leichter.“

Die Leinwand wurde schwarz. Das Licht ging an.

Der Saal war wieder normal. Menschen standen auf, lachten, streckten sich. Niemand schien etwas bemerkt zu haben. Ich saß noch immer in Reihe neun, Platz sieben. Allein.

Ich blieb sitzen, auch als die anderen Zuschauer den Saal verließen. Niemand sagte etwas. Niemand schaute mich schief an. Für sie war ich nur ein Mann, der den Abspann zu Ende sehen wollte. Einer von vielen. Unsichtbar genug, um in Ruhe gelassen zu werden.

Als die letzte Tür ins Schloss fiel, änderte sich die Luft. Nicht abrupt. Nicht dramatisch. Sie wurde einfach… dichter. Als hätte der Raum beschlossen, den Atem anzuhalten.

Das Licht blieb an. Zu hell. Zu klinisch. Jeder Staubfleck auf dem Teppich war sichtbar. Jeder Kaugummifleck, jede abgewetzte Armlehne. Der Saal sah plötzlich nicht mehr wie ein Ort der Flucht aus, sondern wie das, was er wirklich war: ein Raum, in dem man sitzen bleibt.

Ich hörte das Klicken des Projektors hinter mir. Nicht das normale mechanische Geräusch. Ein einzelnes, bewusstes Klicken. Wie ein Schloss, das einrastet. Die Stimme kam diesmal von vorne. Nicht aus der Leinwand. Aus dem Raum selbst.

„Du hast lange genug zugesehen.“

Ich schluckte. Mein Mund war trocken. Ich wollte antworten, etwas sagen, irgendetwas, aber mir fiel auf, dass ich mir seit Minuten nicht mehr sicher war, wann ich zuletzt gesprochen hatte. Laut gesprochen. Mit einem anderen Menschen.

„Du hast gelernt, still zu sein,“ fuhr die Stimme fort.

„Das ist nicht wenig.“

„Das ist alles.“

„Du weißt, was passiert, wenn du gehst“,

Ich nickte. Ich wusste es. Ich würde gehen. Nach Hause. Zurück in meine Wohnung, in meine Routinen, in die Tage, die sich anfühlten wie Warteschleifen. Ich würde versuchen, weniger ins Kino zu gehen. Vielleicht würde ich jemanden anrufen. Vielleicht auch nicht. Und jedes Mal, wenn ich wiederkäme, würde ich ein weiteres Stück hierlassen. Unmerklich. Unaufhaltsam.

„Und wenn ich bleibe?“, fragte ich. Die Gestalt lächelte nicht. Sie wirkte erleichtert.

„Dann hört es auf.“

Die Leinwand flackerte. Kein Bild. Nur ein graues Rauschen, wie altes Fernsehen. Aber im Rauschen sah ich Bewegung. Silhouetten. Reihen. Plätze. Alle besetzt. Ich stand auf. Meine Beine fühlten sich schwer an, aber sie trugen mich. Schritt für Schritt ging ich den Gang hinunter. Nicht zur Tür. Zur Leinwand. Mit jedem Schritt wurde es kälter. Nicht wie Winter. Wie Abwesenheit.

Ich hörte hinter mir keine Schritte mehr. Die Gestalt folgte mir nicht. Sie musste es nicht. Kurz vor der Leinwand blieb ich stehen. Ich konnte die Hitze der Projektion spüren. Das Flimmern. Das ständige, hypnotische Pulsieren des Lichts.

„Es wird nicht weh tun,“ sagte die Stimme.

„Es tut nur weh, wenn man versucht, zurückzukommen.“

Ich dachte an nichts Großes. Nicht an verpasste Chancen. Nicht an Liebe oder Glück.

Ich dachte an kleine Dinge. An Gespräche, die ich nicht führen musste. An Entscheidungen, die mir abgenommen wurden. An die Ruhe, wenn man nichts mehr erklären muss.

Ich trat näher. Die Leinwand war kein festes Material mehr. Sie gab nach, als wäre sie aus Wasser und Licht zugleich. Als ich die Hand ausstreckte, verschwand sie darin. Ich spürte keinen Widerstand. Nur Wärme. Nur Stille.

Am nächsten Abend war Saal fünf gut besucht. Ein neuer Film. Gute Kritiken. Fast ausverkauft. Ein Mann setzte sich in Reihe neun, Platz sieben. Allein. Niemand wunderte sich darüber. Er saß still. Bewegte sich kaum. Sah den Film, ohne Popcorn, ohne Getränk. Als hätte er nichts nötig. Als der Abspann lief, blieb er sitzen. Ein paar Reihen weiter vorn drehte sich jemand um. Hätte schwören können, dass der Mann eben noch nicht da gewesen war. Aber das Kino war voll. Man konnte sich irren. Der Mann in Reihe neun hob langsam den Kopf. Seine Augen spiegelten das Licht der Leinwand. Er atmete ruhig. Zufrieden.

Der Februar draußen war kalt in dieser Nacht. Aber im Saal war es gleichbleibend warm. Und etwas wartete.


Zum Autor: Georg studiert in Wien und schreibt seit seinem vierzehnten Lebensjahr. Was als unbewusster Versuch begann, die eigene Wahrnehmung der Welt zu ordnen, ist geblieben. Besonders geprägt haben ihn Film, genaues Hinsehen sowie das Spiel mit Rhythmus und Atmosphäre.

Instagram: @georg.krierer

 

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