Das Monsterhaus
Im Februar veröffentlichen wir jeden Sonntag eine Kurzgeschichte aus unserem Open Call. Texte, in denen Zeit und raum ineinander kippen. Diesen Sonntag, ein Haus, das bleibt.
Das Monsterhaus Sie kann sich noch genau an den Tag erinnern, an dem sie das Haus zum ersten Mal sah. Es war ein kühler Tag im Februar, knapp warm genug, um schon draussen zu spielen. Lillis Blick flog immer wieder zum Himmel, auf der Suche nach grauen Wolken. Hinter ihrem Elternhaus lag eine grosse Wiese. Sie grenzte direkt an den Wald. Ihre Eltern hatten ihr verboten, weiterzugehen, als bis zu den ersten paar Bäumen. Normalerweise hielt sie sich daran. Lilli war ein folgsames Kind. Nur selten verirrten sich Tiere in den Garten. Mutter hatte ihr erzählt, dass sich am Morgen ihrer Geburt ein Hase aus dem Schutz der Bäume gewagt hatte. Sie habe den Atem angehalten und sich kein bisschen bewegt, um das Tier so lange wie möglich betrachten zu können, es bloss nicht zu verscheuchen. Lilli war sich nie sicher, ob sie der Geschichte Glauben schenken sollte.
Doch als sie an jenem Tag von ihrem Puppenhaus aufschaute, traf sie auf ein dunkles Augenpaar. Sie liess ihre Puppe ins Gras fallen und stand langsam auf. Am Waldrand stand ein brauner Feldhase. Seine Löffelohren hingen an seinem Gesicht hinunter, die Nase zuckte in nervösem Schnuppern. „Hallo“, Lilli ging sachte einen Schritt näher. Der Hase wisperte keine atemlosen Ausflüchte und trug auch keine Uhr bei sich, aber sie war sich sicher, dass er ihr den Weg ins Wunderland zeigen konnte. Langsam setzte Lilli einen Fuss vor den anderen. Ihre Blicke trafen sich erneut, doch nur für einen Moment. Der Hase drehte sich um und hoppelte zurück in den Wald. Sie vergass alle elterlichen Verbote und begann zu rennen. Das braune Fell des Hasens und die Farben des Waldes begannen ineinander zu verfliessen. Lillis Blick war fest auf ihn gerichtet. Anfangs war sie sich sicher, ihn einholen zu können.
Sie hatte schliesslich viel längere Beine als das kleine Tier. Doch wenig später hatte sie das Hoppelvieh aus den Augen verloren. Lilli blieb stehen und schaute um sich. Der Hase war verschwunden. Sie stand inmitten hoher Bäume. Die Farben des Waldes waren ermattet, die ersten Blätter bereits gefallen. Lilli war sich nicht mehr sicher aus welcher Richtung sie gekommen war. Die Ermahnungen der Mutter hallten in ihr nach, aber sie schob ihre Worte zur Seite. Stattdessen ging sie weiter, setzte einen Fuss vor den anderen, bis sich der Wald zu lichten begann. Jedoch stand Lilli nicht vor ihrem Zuhause. Vor ihr ragte ein fremdes Haus in den Himmel. So ein Haus hatte sie noch nie gesehen. Die Wände waren dunkel, ob vom Schmutz oder tatsächlicher Farbe vermochte sie nicht zu sagen. Die Fenster waren mit Holzbrettern von aussen zugenagelt worden. Lilli fröstelte. Vor dem Haus war ein Briefkasten. Es stand kein Name darauf. Ihn zu öffnen, traute sie sich nicht. Eine Treppe führte zur Veranda des Hauses. Kurz vor dem ersten Tritt blieb sie stehen und horchte. Es war nichts zu hören. Selbst der Wald schien den Atem angehalten zu haben. Lilli weiss nicht mehr, wie lange sie dort stehen blieb. Ihr Blick betastete jede Einzelheit der Hausfassade, der Fenster, der Tür. Ein Regentropfen auf ihrer Haut riss sie aus ihren Gedanken. Der Himmel hatte sich verdunkelt. Sie drehte sich um und rannte nach Hause.
Lilli traute sich nicht, ihre Eltern nach dem Haus zu fragen. Mit der Frage hätte sie offenbaren müssen, dass sie entgegen aller Regeln in den Wald gegangen war. Am nächsten Tag in der Schule erzählte sie Benni davon. Wie immer, wenn er jemandem aufmerksam zuhörte, drückte er an seinem Ohrläppchen herum, bis es ganz rot wurde. „Zeigst du es mir?“, fragte er schliesslich. Lilli überlegte einen Moment. Sie war sich nicht sicher, ob sie das Haus wiederfinden würde. Aber gemeinsam würden sie sich bestimmt nicht verlaufen. Und vielleicht würden sie auch den Hasen sehen. Also nickte sie. „Morgen Nachmittag haben wir frei. Ich komme nach dem Mittagessen“, verkündete er.
Um halb zwei klingelte es an der Haustür. Bevor Lilli die Tür öffnete, strich sie sich das Haar zurück. Sie trug ihre liebste Hose, die, mit den aufgestickten Blumen. Benni trug einen Rucksack auf dem Rücken, der seinen Kopf um einige Zentimeter überragte. „Was hast du da?“ „Zeig ich dir gleich.“ Auf der Wiese angekommen stellte er den Rucksack auf den Boden. Er löste die Schnallen und holte zwei Taschenlampen heraus. Er reichte Lilli eine. Sie lag kalt und schwer in ihrer Hand. Eine Digitalkamera in einer kleinen Tragetasche reichte er ihr ebenfalls. Benni hielt nun einen Baseballschlager in der einen und eine Taschenlampe in der anderen Hand. „Wir können los“, verkündete er. Die Kinder gingen auf den Wald zu, an den ersten Bäumen vorbei. Benni blieb stets einen Schritt hinter ihr, doch das Geräusch seiner Schritte auf dem Waldboden beruhigte sie, obwohl sie ihn nicht sehen konnte. „Ist es noch weit?“ „Nein.“ Lilli wollte nicht zugeben, dass sie es nicht wusste. Sie ging einfach weiter. Irgendwann begann sich der Wald zu lichten. Sie blieb stehen. Benni stolperte. Dann folgte er Lillis Blick. Es war noch grösser, als sie es in Erinnerung gehabt hatte. Schwarz und leblos ragte es in die Höhe, als gehörte es nicht hierher. „Wow“, entfuhr es Benni. Lilli nickte nur. Er überholte sie und ging auf das Haus zu. Sie musste fast rennen, um mit ihm Schritt halten zu können. Eine Treppe mit vier Stufen führte hoch zur Veranda. Je näher sie an das Haus traten, desto mehr Kleinigkeiten offenbarten sich. Die Bretter, mit denen die Fenster zugenagelt worden waren, trugen Schäden des Wetters. Einige Stellen waren schwarz und schimmlig. Die Tür war nicht zugenagelt. In ihrer Mitte war ein Fenster, welches jedoch von innen blick-sicher gemacht worden war. „Gehen wir rein?“, fragte Lilli, und versuchte mutiger zu klingen, als sie war. Vielleicht spukte es im Haus, oder eine Hexe oder ein Kinderfresser wohnten darin. Oder ein Monster. Benni hatte seine Lippen fest zusammengekniffen, aber er nickte. Sie tat einen Schritt nach vorne und stellte testweise ihren Fuss auf die erste Treppenstufe. „Pass auf“, warnte Beni. „Vielleicht bricht sie zusammen.“
Die Treppe knarrte, aber brach nicht. Oben auf der Veranda drehte sie sich zu Beni um. Er stand noch immer unschlüssig vor der ersten Stufe. „Komm jetzt.“ Ein Zittern hatte sich in Lillis Kniekehlen geschlichen. Sie spannte die Beine fest an, versuchte es zu vertreiben. Obwohl Benni gesehen hatte, dass die Treppe hielt, folgte er nur zögerlich. Sie musterte ihn. Kleine Schweisströpfchen hatten sich auf seiner Nase gebildet. Ein blasser blauer Fleck schimmerte durch sein blondes Haar. Schliesslich starrten sie beide auf die Tür des Hauses. Der Wind schlitterte um ihre Beine. Lilli streckte die Hand aus und liess einen Finger über die Tür streifen. Sie war morsch, das Holz an manchen Stellen ausgefranst. Ihre Hand umfasste die Türklinke. Sie war eiskalt. Neben sich hört sie Bennis flachen Atem. Sie drückt die Klinke nach unten. Sie hatte erwartet, dass die Tür abgeschlossen wäre oder zumindest verbarrikadiert. Aber dem war nicht so. Sie schob sie langsam auf. Es war anstrengend, die Tür schien zu gross für die Öffnung zu sein. „Drück auch mal“, forderte sie Beni auf. Zögerlich stellte er sich neben sie und legte seine Hände neben ihre. Sie waren etwas grösser als ihre, doch seine Fingernägel waren bis ans Nagelbett abgeknabbert. „Du musst ganz fest“, er gehorchte und schob kräftig. Die Tür gab den Blick frei auf da Innere des Hauses. Es war...nichts. Nur ein Blick in eine alle umfassende Schwärze. Benni nahm seine Taschenlampe vom Boden auf. Er schaltete sie ein und hob den Lichtkegel ins Haus. Etwas bewegte sich. Beni griff nach ihrem Handgelenk. „Nein“, flüsterte er, seine Stimme zitterte etwas. „Lass uns nachsehen.“ Lilli konnte seine Antwort nicht mehr hören. Ein lautes Knallen drang aus dem Haus und übertönte Bennis Worte. Bevor Lilli reagieren konnte, wurde sie bereits von Benni am Handgelenk davongerissen. Er zog sie hinter sich her, zurück in den Wald. Er rannte, und Lilli hatte Mühe, mit ihm Schritt zu halten. Einmal wäre sie fast hingefallen. Erst als sie wieder beim Haus waren, blieb er stehen. Lilli liess sich auf das weiche Gras fallen und holte tief Luft. Sie war sich sicher, noch nie im Leben so schnell gerannt zu sein. Sie hob den Blick, doch Benni wollte sie nicht ansehen. Auf seinem Schoss prangte ein dunkler Fleck. Es dauerte einen Moment, bis sie begriff, was es war.
Nach diesem Nachmittag ging ihr Benni aus dem Weg. Wenn sie ihn fragte, ob er zu ihr zum Spielen käme, sagte er, er könne heute nicht. Lilli glaubte ihm nicht. Schliesslich fand sie jemand anderen zum Spielen.
Eines Tages in der Oberstufe sitzt Lilli in der Aula. Sie schaut sich die Aufführung der unteren Klasse an. Sie spielen Dorian Gray, die Geschichte eines Mannes, dessen Schönheit erhalten blieb, während an seiner Stelle sein Portrait alterte. Als der junge Mann über den Zustand seiner Seele weint, erkennt sie seine Züge. Sein Kiefer ist kantiger, das Haar so lang, dass er es im Nacken zusammenbinden kann. Er sitzt in sich zusammengesunken auf der Bühne, und doch schallt seine Stimme durch den Saal. Und packt sie am Nacken. Sie fragt sich, wann er so erwachsen geworden ist.
Lilli verlässt das Dorf, sobald sie achtzehn wird. Ein Studium zieht sie in die Grossstadt. Sie trägt Blazer, leichte Laptops und schwere Bücher. Sie lernt viel; in kleinen Grüppchen, in der Bibliothek, manchmal am Küchentisch mitten in der Nacht, wenn sie nicht schlafen kann. Aus dem Studium nimmt sie mit: Einen guten Abschluss, nützliche Terminologie und Erinnerungen an namenlose Körper von Menschen, die sie mit Freuden erkundet und schnell vergessen hat. Manchmal schämt sie sich für die Absenz jeglicher Scham. In der Berufswelt muss sie feststellen, dass ihr hart erarbeitetes Wissen nur wenig Wert ist. Es geht darum, gemocht zu werden. Auch hübsch sein ist von Vorteil. Probleme und Aufgaben löst man am besten im Stillen, lächelnd. Die Jungs übernehmen das Reden. Nach ein paar Gläsern Wein nach Feierabend tauscht man sich mit den Kolleginnen darüber aus, wie unfair doch alles ist, doch wenn man sich montags nüchtern wieder trifft, will man dann doch nichts daran ändern.
Lilli hat das Telefonat auf Lautsprecher gestellt und legt ihre Wäsche zusammen. Ihre Mutter erzählt von ihren Gartenprojekten und dass Papa ein Reh gesehen hat, am Waldrand. „Ist der Benni von den Mosers nicht mit dir zur Schule gegangen?“, Lilli lässt ihre Bluse sinken. „Was?“ „Der Junge. Benjamin.“ „Was ist mit ihm?“ „Sein Vater ist letzte Woche gestorben.“ „Oh.“ Sie erinnert sich an blonde Locken und Ohrläppchen, die vom Kneten meist ganz rot waren. Seine Hand um ihr Handgelenk und die grössten Schritte, die sie je genommen hatte. Und dann war alles vorbei gewesen. „Wann ist die Beerdigung?“ Lilli schreibt eine E-Mail ins Büro und nimmt ein paar Tage frei. Eine Stunde später sitzt sie im Auto.
Lilli ist noch nie zuvor an einer Beerdigung gewesen. Sie hält sich im Hintergrund auf und trägt eine Sonnenbrille, welche die Hälfte ihres Gesichts verdeckt. Ihr ist kalt. Obwohl sie hier aufgewachsen ist, erkennt sie niemanden. Aus den Augenwinkeln kann sie Benni sehen, ihn erahnen, aber sie traut sich nicht, ihn anzusehen. Sie fragt sich, ob er weint, aber wissen will sie es nicht. Als sich nach der Messe Schritte nähern, hält sie die Luft an. Er hat sein Haar abrasiert. Sein Gesicht wirkt etwas runder dadurch, die Augen unendlich gross. „Lilli?“ Sie nimmt die Sonnenbrille ab und reicht ihm die Hand. „Mein Beileid.“ Einen Moment lang bleibt er still vor ihr stehen. Er hält ihre Hand fest umklammert. „Ich möchte weg gehen“, sagt er schliesslich, „Kommst du mit?“
Durch einen Seiteneingang des Friedhofs betreten sie die Strasse. Sie gehen durch das Dorf. So viele Ecken und Orte voller halb vergessener Momente. Wie Wundertüten, von denen man nicht genau weiss, ab man sie wirklich öffnen will. „Bist du auch weg gegangen?“, fragt Lilli in die Leere. „Ja.“, er kickt einen flachen Stein vor sich her, „Deutschland.“ „Was hast du gemacht?“ „Die Schauspielschule.“ Sie erinnert sich an seinen Dorian Gray, die stolze Statur und das lange Haar. „Warum hast du dir die Haare abgeschnitten?“ Er zuckt nur mit den Schultern. Vor dem Dorfladen bleibt er stehen. Er lässt sie ein paar Minuten warten, und kommt dann mit einem Sixpack Bier zurück. Er führt sie in eine Seitenstrasse. Sie lässt die letzte Häuser hinter sich, grosse Einfamilienhäuser mit Garten und schönem Auto auf dem Parkplatz. Grosse Trampoline. Kinderfahrräder. An manchen Häusern hängt noch die Weihnachtsbeleuchtung. Die betonierte Strasse wird zu einem Kieselweg. Lilli streift ihre Pumps ab, die Steinchen drücken gegen den Stoff ihrer Strümpfe. Der Weg nimmt eine Abzweigung zu einer kleinen Lichtung. Am Rande der Lichtung steht eine Bank. „Hier war ich noch nie.“ „Die Bank steht noch nicht lange hier.“ Er stellt das Bier neben der Bank ab und setzt sich hin. Lilli setzt sich neben ihn, im Schneidersitz, ihm zugewandt. Ihre beiden Knie piksen in seinen Oberschenkel. Es ist eine kleine Parkbank. Während er zwei Flaschen Bier aus der Packung reisst, nimmt sie sich Zeit, ihn zu betrachten. Sein dunkelblauer Anzug hängt an seinen Schultern. Aber die Farbe passt zu ihm. Als ihre Augen den raspelkurzen Haaransatz betrachten, muss sie den Drang unterdrücken, die Hand auszustrecken, um die kurzen Härchen an ihrer Handfläche zu spüren. Er öffnet eine Flasche und reicht sie ihr. Sie prosten einander zu. „Worauf trinken wir?“, fragt sie. Er überlegt einen Moment. „Auf ein Ende.“ Die Flaschen stossen zusammen, ein dumpfes Klackern von Glas. Lilli kann sich an dieses Bier erinnern. Es ist das erste, dass sie je getrunken hatte. Der erste Rausch. Das erste Mal zu viel. Das erste Mal kotzen am Strassenrand. „Du siehst viel zu schick aus für diesen Ort“, bemerkt Benni. Sie schaut an sich herunter. Der schwarze Kaschmirpullover und die Anzughose. „Ich dachte, bei Beerdigungen müsse man sich gut anziehen.“ „Das dachte ich auch“, er grinst. „Der Anzug gehört meinem Freund.“ „Oh. Ist er nicht hier?“ Er schüttelt den Kopf. „Ist besser so.“ Er fragt sie nach Dingen. Sie erzählt. Wie sie jeden Tag mit Umsatzgenerierung und Marketing zu tun hat, und manchmal vergisst, warum sie das tut. Wie ihr der Klang ihrer eigenen Atemzüge manchmal auf die Nerven geht. Dass kein Mann es schaffte, ihre Aufmerksamkeit länger zu halten als ein paar Stunden. „Willst du denn eine Beziehung?“ „Ich weiss es nicht“, sie nimmt den ersten Schluck ihres dritten Bieres. „Ich möchte nicht allein sein. Aber warum muss es denn eine Beziehung sein. Kann ich nicht einfach mit all meinen Freundinnen zusammenwohnen?“ Er lacht. „Mach das doch.“ „Aber die wohnen alle mit ihren Männern.“ „Tragisch.“ Sie kichert. Der Wind zieht durch die Bäume. Es wird langsam dunkel. „Hey“, ihre Hand streicht über seine Schulter. „Weisst du noch, als wir das Monsterhaus erkunden wollten?“ Ein schmallippiges Lächeln breitet sich auf seinem Gesicht aus. Er nickt. „Wir hatten solche Angst. Und danach hast du nie mehr mit mir gesprochen.“ Sein Griff um die Bierflasche verstärkt sich, seine Knöchel drücken blass durch seine Haut. „Ich hatte Angst, dass du mich auslachst“, sagt er leise. „Das hätte ich nicht getan,“ Er zuckt mit den Schultern. „Das weisst du nicht.“ Der Alkohol beginnt in ihrer Seele zu blubbern. Bilder flattern. Morsches Holz und dunkle Türen. „Glaubst du, es steht noch?“
Benni hält ihre Schuhe in der einen, ihre Armbeuge in der anderen Hand. Lilli stolpert immer wieder. Es gibt keinen Weg zum Monsterhaus. In den dunklen Wald, der Nase nach. Lillis Hose bleibt an einem Ast hängen, sie fällt auf die Knie. Benni kauert sich neben sie. Der Stoff der Hose ist gerissen. „Hast du schon mal ein Monster gesehen?“, fragt Lilli. „Schon oft.“ Er zieht sie auf die Füsse und sie laufen weiter. Als das Haus schliesslich vor ihnen in die Höhe ragt, lassen sie sich fallen. Das weiche Gras heisst sie mit einer feuchten Umarmung willkommen, winzige Tröpfchen schleichen sich ihren Nacken hinunter. Sie könnte für immer hierbleiben. In diesem Augenblick. Sie schliesst die Augen und atmet ein. Sie hat völlig vergessen, wie eine Wiese riecht. „Hast du Angst?“, fragt sie ihn. Kühle Luft füllt ihre Lungen. Sie spürt, wie er neben ihr den Kopf schüttelt. Schliesslich streckt sie die Hand aus und fährt über sein Haar. Es piekst in ihre Haut wie winzige Dornen. „Ich auch nicht.“ Sie setzt sich auf und krallt ihre Finger ins nasse Gras. Etwas kriecht über ihren Handrücken. Beni spiegelt ihre Bewegungen, bis sie schliesslich nebeneinanderstehen. Er greift nach ihrer Hand, ihre Finger verschränken sich ineinander. Ihr fällt auf, wie klein seine Hände sind, kein bisschen grösser als ihre, obwohl er doch auf sie hinunterschauen kann. Das Haus hat sich kaum verändert. Das Holz ist ein bisschen morscher, ein bisschen trauriger. Lilli stellt den nackten Fuss auf die kleine Treppe zur Veranda. Das Holz ist nass. „Meinst du, es könnte einstürzen?“, flüstert Beni. „Nach allem, was es schon mitgemacht hat?“ Vier Treppenstufen. In Lillis Erinnerung sind sie hoch wie ein Berg. Die Tür ist unbeschädigt. Sie fragt sich, ob seit damals jemand das Haus betreten hat. Ob es jemandem gehört. Ob jemand, ausser ihnen beiden, ab und zu an diesen Ort denkt. Benni legt ihre Schuhe auf die Veranda. Er umfasst die Türklinke und drückt sie sachte nach unten. Die Tür lässt sich schwer öffnen, er muss sein Gewicht etwas dagegenstemmen, doch schliesslich gibt sie nach. Es ist dunkel im Haus. „Bereit?“, fragt er. Lilli drückt kurz seine Hand. Sie treten über die Schwelle.
Fatima erkundet in ihrem Schreiben Identität und Beziehungsdynamiken sowie die Bruchstellen zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung. Derzeit arbeitet sie an ihrem Debütroman. Mehr auf @fatima.schreibt.

