Hitlergruß, Gewaltandrohung, Verharmlosung: Was läuft schief im Praterdome?

Der Szeneclub Praterdome wirbt mit Inklusion und Null-Toleranz-Politik. Was Lina* dort erlebt hat, klingt nach dem Gegenteil. Und damit scheint sie nicht allein zu sein. 

The Dome: Riesenradplatz 7 // © Lorin Weiss

Clubs sollten Orten sein, an denen man sich verlieren darf. Dunkle Räume, in denen die Nacht keine Uhrzeit kennt, Musik die Gedanken übertönt und für ein paar Stunden alles ein bisschen leichter wirkt. Refugien, an denen Menschen zusammenkommen und gemeinsam Spaß haben können - egal, wer sie sind oder woher sie kommen. Genau dieses Erlebnis verspricht der Praterdome: Er bezeichnet sich als Club, an dem Respekt, Vielfalt und friedliches Miteinander an erster Stelle stehen. Aber ist dem wirklich so?

© Emelie Brendel

Lina ist für ein Erasmus-Semester nach Wien gekommen. Als sie mit ihrer Freund*in Kai* am Abend des 27.09 Richtung Praterdome fährt, freuen sich beide auf einen entspannten Abend. Doch was mit Vorfreude begann, endete abrupt beim Betreten des Clubs. Lina beschreibt die Stimmung im Praterdome als merkwürdig. Viele junge, stark alkoholisierte Gäste, vorwiegend männliches Publikum. Ständig schreit ein DJ ins Mikrofon, grelle Lichter zucken über die Tanzfläche.

Plötzlich fällt ihr ein Mann auf. Immer wieder, synchron zu den Blitzen, die den Raum erleuchten, reißt er den Arm hoch. Nicht tänzerisch - sondern durchgestreckt, in einer steifen Bewegung. Dazu schlägt er sich auf den Brustkorb und fixiert sie mit seinen Blicken. Für Lina eindeutig ein Hitlergruß, mitten auf der Tanzfläche.

War doch nur Spaß

Lina und Kai ergreifen die Flucht - nicht zuletzt, weil beide sichtbar queer und Kai non-binär ist. Doch sie sind sich einig, das Ganze nicht unkommentiert lassen zu wollen. Sie konfrontieren den vermeintlich rechtsideologischen Mann mit seiner Handlung. Er ist umgeben von einer Gruppe Männern, alle lachen und winken ab. Von Einsicht sei hier keine Spur gewesen, erzählt Lina.

Die beiden verlassen den Raum, um Hilfe zu suchen. Im Raum selbst ist kein Security vor Ort - erst im Eingangsbereich finden sie einen Sicherheitsmitarbeiter und schildern ihm die Situation. Gemeinsam mit ihm steuern sie die Gruppe erneut an, die Reaktion bleibt jedoch unverändert. Der beschuldigte Mann behauptet, es wäre nur ein Spaß gewesen. Im Übrigen sei er kein Österreicher, ungarischer Background, heißt es. Ein unglücklicher Zufall, denn der Sicherheitsmann ist ebenfalls aus Ungarn. Es folgt ein Wechsel ins Ungarische.

Nach einem kurzen Geplänkel auf ungarisch bedeutet ihnen der Sicherheitsangestellte zu gehen. Lina wird wütend, während sie mit mir darüber redet, sie reibt sich über die zusammengezogenen Augenbrauen. „Man hat richtig gemerkt, da entsteht jetzt so ein Bro-Ding.” Die Männergruppe ist obendrein genervt von den zwei Freund*innen, sie werden lauter. Lina erinnert sich, mehrfach von einem der Männer angeschrien worden zu sein, wie peinlich sie sei: „Die haben sich total vor mir aufgebäumt. Ich dachte, die schlagen mir gleich ins Gesicht.” Der Security steht daneben und greift nicht ein.

Nur weil zwei Frauen meinen, etwas gesehen zu haben, muss das noch nicht heißen, dass das der Realität entspricht

Lina und Kai wollen mit einem Vorgesetzten sprechen. Widerwillig werden sie nach draußen gebracht. Ein anderer Angestellter, mutmaßlich der Vorgesetzte, erklärt den beiden, man könne nichts machen. Wenn mehr Leute gesehen hätten, was passiert sei, wäre es einfacher. Generell wären im Club die Arme halt mal in der Luft. Eine Aussage hat sich in die Köpfe der beiden eingebrannt: „Nur weil zwei Frauen meinen, etwas gesehen zu haben, muss das noch nicht heißen, dass das wirklich der Realität entspricht.” Mal ganz abgesehen davon, dass es sich bei den beiden nicht um zwei Frauen handelt.

Mittendrin gesellt sich ein dritter Sicherheitsmitarbeiter dazu. Er beginnt, die Freund*innen anzuschreien, „Ich bin Jude und mich stört das auch nicht, wenn er den Hitlergruß zeigt!”. Dann zeigt er auf seinen Kollegen, „Schau, er ist schwarz!”. Eine hochproblematische Situation, in der Betroffene von Diskriminierung instrumentalisiert werden, um einen Nazi-Gruß zu relativieren.  Anschließend fragt er, ob die beiden aus Deutschland kämen. Als sie bejahen, betont er: „Hier [in Österreich] läuft das anders als in Deutschland.“

Das stimmt. In Österreich kann es sogar weitaus höhere Strafen mit sich bringen, sollte man den Hitlergruß zeigen. Nach § 3g des Verbotsgesetzes 1947 drohen im Grundtatbestand sechs Monate bis fünf Jahre Freiheitsstrafe. Wird die Tat so begangen, dass sie vielen Menschen zugänglich wird, sind es sogar ein bis zehn Jahre, bei besonderer Gefährlichkeit des Täters bis zu zwanzig Jahre. In Deutschland hingegen sieht § 86a StGB für denselben Tatbestand lediglich eine Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder eine Geldstrafe vor. Ist der Tatbestand Volksverhetzung nach § 130 StGB ebenfalls erfüllt, kann das Strafmaß auf bis zu fünf Jahre erhöht werden*.

Lina und Kai entscheiden sich zu gehen. Auf keinen Fall wollen sie in einen Club zurückkehren, in dem mutmaßliche Neonazis bleiben dürfen und man selbst als Problem behandelt wird. Außerdem fühlen sich beide nicht mehr sicher.

Da kann man nichts machen

Vor dem Club rufen sie die Polizei. Als die Beamt*innen eintreffen, wenden sie sich zunächst an das Sicherheitspersonal. Erst nachdem Lina sich als Anruferin zu erkennen gibt, wird auch mit ihr gesprochen. Wiederholt wird sie darauf hingewiesen, dass es im Club dunkel sei und erhobene Arme auf einer Tanzfläche nicht ungewöhnlich seien. Ein Einschreiten gestalte sich daher schwierig. Lina erzählt mir, sie habe sich von der Polizei nicht ernstgenommen gefühlt. Sie hatte den Eindruck, die Beamt*innen seien genervt von ihr - und dass sie sich über sie lustig machen. Auch nach Dazuholen weiterer Freund*innen, die bezeugen, den Hitlergruß ebenfalls gesehen zu haben, ändert sich die Einschätzung der Polizist*innen nicht. Stattdessen fragen sie mehrfach, wie lange der Arm konkret erhoben worden sei. Als keine genaue Zeitangabe gemacht werden kann, fordert ein Beamter Lina auf, die beobachtete Geste zu demonstrieren. Dabei wird ihr gesagt, sie müsse keine Angst vor einer Anzeige haben.

In der Folge stellt Lina die Geste nach, um den Vorfall zu erklären. Etwas, das sie schnell bereut und auch im Café nur mühevoll über die Lippen bringt. Verändern tut es nichts. Die Beamt*innen erklären, es bestehe die Möglichkeit, „Anzeige gegen Unbekannt“ zu erstatten - obwohl die betroffenen Männer sich weiterhin im Club befinden und sowohl das Sicherheitspersonal als auch Lina, Kai und mehrere Freund*innen diese identifizieren könnten. Laut Polizei reiche die vorliegende Beschreibung dennoch nicht aus, um unmittelbar einzuschreiten. Hier endet der Abend für die beiden.

Auf Nachfrage bei der Pressestelle der Polizei wird betont: „Durch die Vielzahl der anwesenden Personen, die vage Täterbeschreibung und den Umstand, dass das Sicherheitspersonal den Mann nicht mehr wahrgenommen hatte, war eine Feststellung des mutmaßlichen Täters aus Sicht der einschreitenden Beamten nicht möglich. In Folge wurde der Vorfall angezeigt und Ermittlungen gegen bislang Unbekannt eingeleitet.”

© Lorin Weiss

Auch der Praterdome wurde um Stellungnahme gebeten. Das Management erklärt, der Fall sei ihnen zum Zeitpunkt unseres Schreibens nicht bekannt. Ebenfalls werden sie eine interne Überprüfung der Abläufe einleiten, sowie Schulungen und Sensibilisierungsmaßnahmen verstärken. Auf eine weitere Anfrage, wie diese Schulungen aussehen würden, kam bis zum Zeitpunkt unserer Veröffentlichung keine Antwort.

Zusätzlich fehlt jede Möglichkeit zu überprüfen, ob diese Schulungen in der Praxis tatsächlich umgesetzt werden. Solche Aussagen bleiben häufig bloße Lippenbekenntnisse. Hinzu kommt, dass es im Praterdome kein Awareness-Team gibt, das Betroffene ansprechen könnten. Auf ihrer Instagram-Seite wird ausschließlich auf das Personal verwiesen, das „jederzeit für Hilfe zur Verfügung steht.“

Lina und Kais Erlebnisse scheinen kein Einzelfall zu sein

Einige Wochen nach dem Treffen mit Lina meldet sich Michal bei uns. Auch er möchte von einer Geschichte erzählen, die er im Praterdome erlebt hat. Michal ist queer, kommt ursprünglich aus Polen und besuchte vor einiger Zeit ein Pride-Event im Club. Im Laufe des Abends verliert er seine Jacke. Auf der Suche bittet er zwei Sicherheitsmänner um Hilfe - beide lachen nur, verweigern Unterstützung und betonen, er solle einfach nach Hause gehen.Michal beschreibt eine feindselige Stimmung, die den ganzen Abend über spürbar gewesen sei.

Als er sich mit einem Freund auf polnisch unterhält und eigentlich bereits gehen möchte, schreit plötzlich jemand hinter ihm. „WAS HAST DU GESAGT?", brüllt ihm eine Stimme in den Nacken. Michal dreht sich um und verfällt in eine Schockstarre: Die Faust eines zwei Meter großen Securities schwebt nur Millimeter vor seinem Gesicht. Als keine Reaktion kommt, dreht er schließlich ab. Bis heute hat Michal mit kaum jemandem über die Situation gesprochen, dennoch verfolgt sie ihn noch Jahre später. Nicht zuletzt, weil er bereits in seiner Kindheit gravierende Gewalterfahrungen erleben musste. Er erzählt uns auch, dass er sich an diesem Abend nicht getraut habe, die Polizei zu rufen - zu groß sei die Angst gewesen, dass man ihm ohnehin nicht glauben würde.

Traumatizing and horrific experience

Durchforstet man das Internet zu Bewertungen des Praterdomes, gibt es zahlreiche, die dem Sicherheitspersonal Homophobie, Antisemitismus oder Rassismus vorwerfen.

So schreibt User „Itay K” auf Tripadvisor, „was encountered with antisemitism and racism. The security guards just took a look at our passports and said “juden raus” - terrible experience”. Ein anderer User berichtet darüber, mit einem Freund hebräisch am Eingang gesprochen zu haben. Danach habe der Sicherheitsmann nach ihren Pässen gefragt, „he told us that there was no entry for us today. I asked him in German why, so he answered me in German “Jews out” and “Heil Hitler”. Die Userin „Kiorara” spricht ebenfalls von einer „horrific experience.” Ihr Sohn sei vom Sicherheitspersonal rassistisch angegangen worden, ebenfalls sei ihm Geld gestohlen worden. „To make things worse the Vienna police who was called by the club didn’t even identify any of the involved parties and chose to “escort” him [...] Traumatizing and horrific.”

User „Marcos Ribeiro berichtet von homophobem Verhalten, nachdem er das Sicherheitspersonal nach gay Bars in der Nähe gefragt hätte. Als sein Freund sich beim Manager über das Verhalten der Securities beschweren wollte, hätte auch dieser aggressiv reagiert: „Then my friend went to complain about the security guard's behavior with the manager and he was totally aggressive, he didn't even want to hear the complain [...]” Die Google-Rezensionen sind ebenfalls voll von Bewertungen, die den Türstehern aggressives und diskriminierendes Verhalten vorwerfen. Die Berichte der Rezensionen konnten nicht unabhängig verifiziert werden - jedoch ergibt sich ein wiederkehrendes Muster. Zumindest einmal scheint das Sicherheitspersonal auch belangt worden zu sein: Wie die Heute 2023 berichtete, mussten sich drei Securitys des Praterdome damals wegen schwerer Körperverletzung vor Gericht verantworten.

Ein Code of Conduct ist wertlos, wenn er im Ernstfall nicht verteidigt wird

Die genannten Fälle werfen Fragen zur Sicherheit im Praterdome auf. Wie werden die Security-Mitarbeitenden dort geschult? In ihrer Stellungnahme distanzieren sie sich ausdrücklich von jeglicher Form extremistischer oder diskriminierender Symbolik. Der Hitlergruß stehe in klarem Widerspruch zu ihren Hausregeln und Werten. Wie kann es dann sein, dass - wohl nicht nur einmalig - nicht eingegriffen worden ist? Welche Werte werden vor Ort vom Sicherheitspersonal vertreten? Und wieso scheinen auch die Beamt*innen nicht adäquat einzugreifen? Auf Nachfrage bei der Polizei, wie oft es zu Einsätzen beim Praterdome kommt, schreiben sie, es handele sich um einen Club, in dem regelmäßig viele Leute zusammenkommen. „In diesem Zusammenhang kann es - wie bei vergleichbaren Veranstaltungen - vereinzelt zu polizeilichen Einsätzen kommen. Eine Statistik hinsichtlich bestimmter Örtlichkeiten führen wir jedoch nicht.”

Für alle erwähnten Personen bleiben diese Abende als Erfahrungen in Erinnerung, die ihr Vertrauen in Sicherheitspersonal und Polizei nachhaltig erschüttert haben. Dabei sollten Clubs Orte sein, an denen sich alle Menschen, unabhängig von sexueller Orientierung oder anderen sozialen Zuschreibungen, sicher fühlen können. Es braucht Räume, in denen man sich verlieren darf, ohne sich fürchten zu müssen. Orte, an denen man ernst genommen wird. Ein Code of Conduct ist wertlos, wenn er im Ernstfall nicht verteidigt wird.


* Namen von der Redaktion geändert.  
* Anmerkung: Die genannten Strafrahmen sind die gesetzlichen Grundlagen. Das tatsächliche Urteil liegt immer im Ermessen des Richters/der Richter*in.

In diesem Text wird durchgängig mit einem Sternchen gegendert. Damit sind alle Geschlechter, einschließlich nicht-binärer Personen, gemeint.

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Fotos: Lorin Weiss (@lorinweiss) // Emelie Brendel (@emeliebrendel)

Emelie Brendel

Focuses on feminism, structural inequalities and overlooked stories. When not writing, you’ll find her reading, crocheting, experimenting with Fimo or listening to Jorja Smith and Raye. She firmly believes that bread is best enjoyed with excessive amounts of butter and salt.

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