Bohema Literatur Adventskalender

Jeden Tag ein neues Buch. Der Bohema Adventskalender des Literaturressorts. Hier erfahrt ihr, was die Lieblingsbücher unsere Literaturkritiker*innen sind. Von Hochkultur bis Guilty Pleasure ist alles dabei.

24# Türchen: Erica Jong: Fear of Flying

Did you take our book with you?

No place because of Handgepäck

Shit. I was hoping we could finish it

Where did we stop?

She is still torn between her sexy but distant husband and that crazy english lover. Or are we still in one of those flashbacks about life in Germany after the war as a young jewish woman from ny?

Yeaaah, that guy Adrian who smells like wool and is a bit unhygienic but still turns her on. I guess it goes kind of hand-in-hand. She narrates the flirting with Adrian and instantly also remembers the time in Germany. It’s when they were still kind of close with her husband (Bennet, right?) and she was still in this kind of domesticated bliss with him. But that changed there, didn’t it? In Germany she kind of realized that she needs to put more focus on herself instead of Bennet. Professionally and sexually. Or am I wrong?

Something like that.. I just love how she weaves in all that wisdom about relationships, history, marriage. I think that is why the book was such a huge hit. There are oh so many other sexy stories but this one is so much more than that. Although one of her notable feats of the book was the invention of the zipless fuck

True true. It’s actually a very feminist statement I think. She is sexually deprived in her marriage and she is looking for a zipless fuck. With no commitment, no strings attached, just pure satisfaction. She is sooooo cool for speaking out about women having these sexual fantasies. I feel seen there and, like, a zipless fuck has preceded the Tinder era

But what I reeeeeally love is how she bashes everyone. Her family, her husband, the academia community, the psychoanalysts community, Vienna! It starts with their trip to Vienna, where she has to write something witty about her husband and his other fellow Jewish psychoanalysts returning to Vienna from America for some symposium. She even bashed the German toilets, I think about it al the time

How weird is this WhatsApp review experiment from 1 to 10..

 69

But yeah, it's a liberating read and was even more so when it came out 1973

True. We need to finish it asap

Would you recommend this book? Like from 1 to 10

I would say 8.5 out of 10. Fun, insightful and sexy

Same same

Imagine she writes in the end that she doesn’t want a zipless fuck anymore and just wants to be married and have kids with the Bennet guy…

Lieblingsbuch von Alexandra Timofeeva und Dávid Gajdos

23# Türchen: Marjane Satrapi: Persepolis

Ehrlich gesagt waren die letzten Comics, die ich gelesen habe „Asterix und Obelix“ und „Tim und Struppi“. Es waren tolle Geschichten, sie haben mich in ihren Bann gezogen, doch am Ende waren es bloß Geschichten. Wenn ich ein Heft durch hatte, habe ich zum nächsten gegriffen.

Seitdem ist viel passiert. Ich habe begonnen mich für Politik zu interessieren, ich habe mehr Orte in der Welt gesehen und die Kunst und Literatur fing an mich zu faszinieren, wobei es immer eine gewisse Zerrissenheit zwischen den beiden gab. Bis mir wieder die Comics in den Kopf gekommen sind. Ich interessiere mich für Literatur und für Kunst, wäre dann nicht das Lesen von Comics quasi der logische Schluss? Doch so sehr ich „Tim und Struppi“ und „Asterix und Obelix“ liebe, so schwerfällt es mir manchmal, sie heute zu lesen. Auf einer Seite natürlich, weil ich sie in- und auswendig kenne, auf der anderen Seite aber auch wegen problematischen Darstellungen von Herkunft, Sexualität und Geschlecht. Genau in dieser Zeit fiel mir „Persepolis“ von Marjane Satrapi, in die Hände, meine erste Graphic Novel.

Persepolis erzählt autobiografisch die Geschichte von Marjane Satrapi, welche 1969 im Iran geboren ist und die islamische Revolution hautnah miterlebt. Es beginnt kindlich, mit Marjane als Mädchen, welche Kopftücher nicht wirklich versteht und sie mit ihren Freundinnen lieber zu Springseilen umfunktioniert. Doch mit der Zeit wird die Geschichte immer erwachsener, erst glaubt sie an Gott, dann an Marx, dann zieht sie ins Exil und verliert den Glauben an alles. Ihr erstes Exil und ihre Schulzeit verbringt sie übrigens in Wien. Ich möchte nicht zu viel vorwegnehmen, nur so viel, Persepolis zeigt Seiten des Irans, die wir durch unser vor gefärbtes Bild des Irans, oder vielmehr durch das Bild der islamischen Besatzer im Land gar nicht kennen. Es zeigt, wie sich eine Kultur in Unterdrückung doch ihren Weg bahnt. Da Marjane diese Geschichte, ihre Geschichte, selber erzählt und zeichnet, fühlt man sich manchmal, als würde man mit Marjane zusammen auf ihre Erinnerungen zurückblicken.

Persepolis ist mitreißend, zeigt eine Perspektive, welche oft übersehen wird und ist dabei sehr menschlich und vor allem hautnah.

Lieblingsbuch von Yannik Barth 

22# Türchen: Mona Awad: Bunny

Wenn man das Bedürfnis verspürt, einen LSD Trip aus zweiter Hand zu erleben, ist dieses Buch von Mona Awad über einen sexy Kult genau das richtige. Verrückt? Grotesk? Abscheulich? Psychedelischer Horror? Keines dieser Worte beschreibt das Gefühl, welches einen beim Lesen umhüllt und nach Weglegen des Buches noch tagelang verfolgt. Von diesem Trip zehrt man noch lange. Literaturstudentinnen, Mean Girls, Smut Salon und Alice in Wonderland- ich möchte nicht zu viel verraten, lest am besten selbst.

Lieblingsbuch von Anna Dshamilja Repke

21# Türchen: Charlotte Brontë: Jane Eyre

Es war 1847, als Currer Bell ein Werk veröffentlichte, das die damalige Literaturbranche ganz schön aufrüttelte. Eine selbstständige, starke und unabhängige Frau als Titelheldin, mit eigenem Willen. Das war bis dato noch ein Ding der Unmöglichkeit. Jane Eyre heißt die Protagonistin, die tiefe Einblicke in ihr Leben gewährt – von der tristen, trostlosen Kindheit bei der herrischen Tante, über das Waisenhaus, in dem menschliche Kälte, Krankheit und Tod regieren bis hin zur ihrer Anstellung als Gouvernante im prunkvollen Anwesen des Hausherrn Edward Rochester.

Currer Bell, das ist eigentlich ein Pseudonym. Dahinter steckt niemand geringeres als Charlotte Brontë (1816 – 1855), die älteste jener drei Schwestern, die zu den meistgelesenen Autorinnen des 19. Jahrhunderts zählen. Da Schriftstellerinnen damals nur wenig Respekt gezollt wurde, veröffentlichten die Geschwister allesamt unter einem männlichen Namen. Anne wählte das Pseudonym Acton Bell und Emily Brontë – vor allem bekannt für ihren Roman „Wuthering Heights“ oder Sturmhöhe - schrieb als Ellis Bell.

Zurück zum Thema: Jane Eyre nimmt uns also mit auf eine Reise quer durch ihr Leben. Hat sie als Kind auch nur wenig Liebe und dafür viel Entbehrung und Kummer erfahren, so erhält ihr Alltag eine wundersame Wendung, sobald sie bei Mr. Rochester einkehrt. Der mysteriöse, mürrische und selbstzentrierte Mann erweckt Janes Interesse, doch lässt sich selbst nicht so leicht in die Karten blicken. Dass sich zwischen den beiden etwas anbahnt, wird schnell klar. So richtig los geht die Liebesgeschichte aber erst ab Seite 342, doch das Durchhalten zahlt sich aus – versprochen!

Diese Passage soll einen kleinen Vorgeschmack auf das geben, was ich persönlich als die wohl schönste Liebesbeziehung bezeichnen würde, die ich bisher in einem Buch entdeckt habe:

„Ist es wahrhaftig Ihr Ernst? Lieben Sie mich wahr und aufrichtig? Wünschen Sie sich von Herzen, dass ich Ihre Frau werde?“

„Ja! Und wenn es eines Eides bedarf, um Sie zu beruhigen, so werde ich schwören.“

„Dann, Sir, werde ich Sie heiraten.“

„‘Edward‘, meine kleine Frau!“

„Lieber Edward!“

„Komm zu mir, komm ganz zu mir“, sagte er, legte seine Wange an die meine und flüsterte mir ins Ohr: „Sei du mein Glück – ich werde das deine sein.“

„Jane Eyre“ ist aber mehr als bloß eine betörende und ungewöhnliche Romanze. Es ist ein aufgeweckter Roman über eine mutige, intelligente und entschlossene junge Frau, die ihren eigenen Weg geht, dabei aber trotzdem vom Druck gesellschaftlicher Konventionen geleitet wird und so manche Entscheidungen trifft, die als Leser*in mitunter schwer zu verkraften sind. Jane ist vom Leben gezeichnet – schließlich lernte sie dieses bisher vor allem von seiner dunklen Seite kennen – wurde dadurch aber nicht zur verhärmten Frau, sondern gewann an emotionaler Reife und Willensstärke.

Es ist eine Berg-und-Tal-Fahrt mit vielen Kurven, hinter denen sich jedes Mal eine neue Überraschung verbirgt und in der Motive wie Verrat, Lüge und bedingungslose Hingabe einander stetig abwechseln. Trotz seines beträchtlichen Alters ist dieser Roman sehr gut gealtert und behandelt Themen, die nach wie vor Relevanz besitzen. Man muss vielleicht erst ein bisschen in die Geschichte hineinfinden, aber wenn es dann so weit ist, fällt es schwer, das Buch wieder aus der Hand zu legen. Zum Schluss wartet ein überwältigendes Happy End – ein Ende, das bestimmt nicht alle glücklich macht, mich aber jedes Mal zu Tränen rührt.

Tipp: Wer sich auf die über 600 Seiten nicht einlassen möchte, dem sei die Verfilmung von 2011 mit Mia Wasikowska als Jane und Michael Fassbender als Mr. Rochester empfohlen. Regisseur Cary Joji Fukunaga fängt die Essenz des Romans meiner Meinung nach sehr gut ein.

Lieblingsbuch von Patricia Kornfeld

20# Türchen: Partick Süskind: Das Parfüm

Das Parfum ist Patrick Süskinds erfolgreichster Roman aus dem Jahr 1985. National wie international ist die Geschichte um Frankreichs wohl faszinierendsten fiktiven Mörder sehr erfolgreich: der Roman wurde aus dem Deutschen in 48 Sprachen übersetzt und mehr als 20 Millionen Mal weltweit verkauft. Er ist in vier Teile gegliedert und zählt insgesamt um die 320 Seiten aufwühlenden sowie spannungsgeladenen Text. Im Wesentlichen geht es um den jungen Jean-Baptiste Grenouille (auf Deutsch „Frosch“), der im 18. Jahrhundert in Paris unter dramatischen Umständen auf einem Fischmarkt unter dem sehr dreckigen Stand seiner Mutter geboren wird. Da sie ihn für tot befindet landet er, wie seine zahlreichen Geschwister vor ihm, bei den Fischabfällen. Er selbst rettet sich das Leben, indem er einen lebensbejahenden lauten Schrei loslässt und seine Mutter somit aufs Schafott sowie sich selbst in ein Kinderheim befördert. Von einem seltsam anmutenden Lebenswillen angetrieben entwickelt sich Grenouille zu einem selbstüberheblichen, menschenverachtenden, moral- und gottlosen, allerdings auch einzigartig ehrgeizigen Genie: Einem Genie der Gerüche. Sein wichtigstes Organ ist seine Nase, was ihn fast schon animalisch wirken lässt, und diese lernt er schnell schlau einzusetzen in seinem übelriechend, modrig stinkenden Jagdgebiet: Paris zwischen extremer Hitze, süßen Mirabellen, saurem Schweiß und verwesenden Friedhöfen. Jede einzelne Nuance eines Duftes ist klar und markant gezeichnet und beschrieben, jeder Atemzug gleicht dem Pinselstrich eines Porträts. Im Laufe der Jahre begibt sich Grenouille auf eine Pilgerreise der Gerüche und kommt auf den Geschmack menschlicher Düfte. Vorzugweise junge rothaarige Frauen mit besonders exquisiten Eigengerüchen. Auf eine faszinierend unempathisch-grausame Art und Weise nimmt er die Leser und Leserinnen mit auf seinen ganz persönlichen Raubzug: das Beschaffen seiner perfekten Perle der Düfte. Als wahrgewordener Antiheld zieht er durch Frankreich, lauert, schnüffelt, wartet, wählt seine Opfer und nutzt alte Techniken der Parfumkunst, um Körpern ihren letzten Tropfen Duft zu entziehen. Das Morden erfolgt emotionslos, kalt, blind getrieben von Grenouilles Ekstase des Momentes. Er nimmt die Lesenden tief mit hinein in seine dunkelsten menschlichen sowie schauerlich unmenschlichen Abgründe, wobei man sich nie ganz sicher sein kann, wie viele Schritte Grenouille uns voraus ist. Als Lesende schwankt man zwischen tiefer Faszination und ehrlicher Abscheu diesem vielschichtigen Charakter gegenüber. Mitleid und Empathie erweckt vor allem die Situation von der jungen schönen Laure und ihrem Vater, der verzweifelt versucht seine Tochter vor dem mittlerweile berüchtigten Frauenmörder zu schützen. Denn kein Mädchen ist vor Grenouille so wenig sicher wie Laure, da sie die Quintessenz seines Meisterparfums, der süßesten und lieblichsten Düfte überhaupt, in sich trägt.

Wenn man zwischen den Zeilen liest, kann man hinterfragen, kritisieren und sogar vielleicht etwas lernen – über philosophische, menschliche und moralische Grundsätze des Lebens. Und wohlmöglich erinnert uns Grenouille, diese nicht greifbare Figur zwischen wahnsinnigem Genie und abscheulicher Kreatur, am Ende dann doch mehr an die dunkelsten Seiten in uns selbst, als uns lieb ist. Das Parfum ist und bleibt mein heiß geliebter Lieblingsroman, da er mich gleich beim ersten Lesen, und daran erinnere ich mich tatsächlich noch ganz genau, zielsicher ins Herz traf und somit tief berührte – bis heute. Eine klare Leseempfehlung an alle, die an menschlichen Abgründen, kaltblütigen Morden sowie an der Ästhetik der unendlichen Palette von Gerüchen interessiert sind!

Lieblingsbuch von Freya Greiss

19# Türchen: Anthony Doerr: Cloud Cuckoo Land

Der Fall von Konstantinopel, 1453. Eine Bombe in einer Kleinstadt-Bibliothek, 2020. Ein Raumschiff auf dem Weg zu einem weit entfernten Planeten, an einem Punkt in der nahen Zukunft.

Für Anna, Omeir, Seymour, Zeno und Konstance geht eine Welt unter - doch getrennt durch Raum und Zeit finden sie sich alle im Bann eines unscheinbaren Buches und einer Geschichte, die über die Jahrhunderte nie an Gültigkeit zu verlieren scheint.

Verwoben sind die Schicksale der fünf Protagonist*innen durch die antike Erzählung von Aethon, einem Hirtenjungen auf der Suche nach dem sagenumwobenen Wolkenkuckucksland - ein Paradies in den Wolken, das Königreich der Vögel, in dem Wein in Bächen zwischen goldenen Türmen fließt und die Freiheit keine Grenzen kennt.

Anthony Doerr erzählt in Cloud Cuckoo Land die Lebensgeschichte eines Buches, geschrieben für ein krankes Mädchen, vergessen und verschollen, wiederentdeckt und behütet, wieder zum Leben erweckt und transformiert.

Trotz der Komplexität der Erzählung versteht es Doerr, den Leser an die Hand zu nehmen. Cloud Cuckoo Land ist eine Ode ans Geschichten-Erzählen, ein Appell an unsere Menschlichkeit und eine Lektion in Hoffnung wider aller Hoffnung.

Eine absolute Pflichtlektüre für alle Bibliophilen, und für solche Tage, an denen Weltuntergangsstimmung herrscht und man eine Portion Hoffnung gebrauchen kann.

Lieblingsbuch von Tara Ruffert

18# Türchen: Patti Smith: Just Kids

Liebe Menschen, hier eine hoffentlich lese-lust-machende Mini-Rezension über eine Story, die mich beim Lesen viel gelehrt und mitgenommen hat. Das wundervoll emotionale, autobiografische und inspirierende Buch Just Kids von Patti Smith birgt unter vielen Begegnungsbeschreibungen die Geschichte zweier Personen, die einander in Armut und Obdachlosigkeit begegnen und langsam gemeinsam, mit Schwierigkeiten und durch eine halbe Ewigkeit an Leben ihren Weg in die New Yorker Künstler*innen Szene der 60er und 70er Jahre finden.

Mein Herz ist ein bisschen angebrochen bei der beschriebenen Liebe zwischen Robert Mapplethorpe und Patti Smith im Laufe des Geschehens, da sie internalisierte, stereotypische Beziehungsschemata aufbricht und zum wahren Kern des Gern-habens am Ende der Geschichte gelangt. Besonders stark an dem Buch ist, dass diese wahren Nacherzählungen eines gelebten Lebens, die alleinig schon so viel Weisheit in sich tragen, in dieser Form von Verschriftlichung mit den richtigen Worten an den richtigen Stellen nochmal um einiges tiefer unter die Haut gehen, einfach wegen der Untermalung.

Der Patti-Stil zu schreiben kann dabei als etwas „dark“ beschrieben werden, auch als sehr wortklangs-affin, melodisch, in Abständen poetisch, szenisch-observierend und melancholisch. Es passiert viel im Laufe einer Seite, es ist also manchmal ein überfordernd schnelles Halluzinieren mit offenen Augen beim Lesen, oder mit anderen Worten manchmal ein bisschen zu viel Informationen für eine Urlaubslektüre für nebenbei.

Es werden wichtige Themen wie sexuelle Gesundheit, die Normalität von Queerness sowie Griefing-Methoden in Form von ungewolltem Infotainment angesprochen. Es war zwischendurch etwas voll von Erzählungen sehr nebensächlich erscheinender Geschehnisse, dadurch jedoch auch sehr schön und authentisch sich ein spannendes aber echtes Leben durchblättern zu können. Ich werde auch nach dem dritten Mal lesen bestimmt nicht alle Charaktere aufzählen können, die in diesem Buch vorkommen. Die Geschichte ist tagebuch-artig zu lesen und weist doch eine Menge an innerer Stimmigkeit auf, obwohl sie zwei Lebensgänge beschreibt, die wirklich so passiert sind.

Gönnt euch gerne eine wahre und sehr persönlich formulierte Story eines ikonischen Künstler*innen Duetts in New York, gezeichnet von verrückten Zufällen und Schicksalen und mit kleinen Moralen zum mitnehmen bestückt.

Lieblingsbuch von Valentina Essl

17# Türchen: Saul Bellow: Herzog

Mir fällt es manchmal enorm schwer auf die Frage, was denn mein Lieblingsbuch sei, eine passende Antwort zu geben. Das kann je nach Tagesform variieren, hängt aber meistens mit der Fülle an Büchern zusammen, die mich in meinem Leben schon begeistert haben. Es gibt so viele tolle Geschichten, die ich gerne empfehlen würde, dass ich weder eine zu prätentiöse noch eine zu einfache Wahl treffen möchte. Auf jeden Fall keinen tausendseitigen Wälzer, aber eine kleine Kurzgeschichte reicht dann wohl auch nicht. Ich möchte deswegen für meinen kleinen Beitrag in diesem Kalender einfach über das erstbeste großartige Buch, das ich in letzter Zeit gelesen habe, erzählen. Vor ein paar Monaten bin ich in einem fremden Bücherregal darüber gestolpert und gleich darauf aufmerksam geworden, weil ich schon länger einmal etwas von dem Autor lesen wollte. Der Roman heißt „Herzog“ und ist von Saul Bellow geschrieben. In ihm folgt man dem desillusionierten, zweifach geschiedenen, hyperintellektuellen Protagonisten Moses Herzog durch die Wirren seiner, über ihn hereinbrechenden, Sinnkrise. Es ist jedoch nicht die herausragende Nacherzählung der emotionalen Tumulte, oder die gewitzte Beschreibung der vielen Charaktere, denen Herzog über den Weg läuft, die mich abgeholt hat. Der Protagonist selbst übt eine komische Anziehungskraft auf mich aus. Die merkwürdige Kombination aus erstrebenswerten Eigenschaften wie seinem Geistesvermögen, seinem ansehnlichen Äußeren oder seinem grüblerischen Wesen und seinen von absolut fehlerhaften, arroganten und abstoßenden Wesenszügen sorgte für einen überaus interessanten Protagonisten. Er ist nicht wie die großen Melancholiker aus dem 19. Jahrhundert gestaltet, seine Beweggründe sind des Öfteren auch von niederer Natur. Er wird als müde, alltagsuntauglich und verweichlicht porträtiert. Nicht verweichlicht, gesprochen aus einem komischen Männlichkeitsideal heraus, sondern eher weichgeklopft. Weichgeklopft durch Entscheidungsfurcht, amerikanisches Großstadtleben und das Leben als jüdische Randexistenz. Er erinnert an den und umtriebigen Julien Sorel aus Rot und Schwarz, oder an den rational verzweifelten Ulrich aus dem Mann ohne Eigenschaften. Es scheint keinen Ausweg für ihn zu geben und dennoch rennt er mit erstaunlicher Lebensfreude gegen die immergleiche Wand. Sechzig Jahre, nachdem der Roman geschrieben wurde, bleibt er aktuell wie eh und je. Die Ahnungs- und Richtungslosigkeit, verbunden mit der peniblen Genauigkeit, in der Herzog seine Umgebung wahrnimmt, ist fast schon grotesk. So viel zu sagen, aber wo ist der Ausweg, drängt sich einem als Frage auf. In vielerlei Hinsicht findet man sich selbst wieder in seinen Gedankenwelten. Verloren und zeitgleich mit einer naiven Arroganz ausgestattet, irgendwann eine Lösung für seine Probleme zu finden. Dickes Shoutout an Saul Bellow und Moses Herzog, ihr habt mir den Sommer versüßt.

Lieblingsbuch von Oskar Matussek

16# Türchen: Raymond Carver: What we talk about when we talk about love

„What we talk about when we talk about love“ ist eine Kurzgeschichtenkollektion des US-amerikanischen Autors Raymond Carver (1938-1988), welche 1981 von Alfred A. Knopf, Inc. veröffentlicht worden ist. Heutzutage hat das Buch einen hohen Stellenwert innerhalb literarischen Kreisen und schaffte es nicht nur durch seine hohen Verkaufszahlen, sondern auch durch zahlreiche Auszeichnungen aus Carver einen bekannten Schriftsteller zu machen.

 

Frust und Enttäuschung sind beides Wörter, die mir in den Sinn kommen, wenn ich an meine erste Leseerfahrung dieses Buches zurückdenke. Viele Geschichten kommen zu keinem klaren Ende oder offenbaren zunächst keinen wirklichen Sinn hinter den oft sehr düsteren Dialogen. Schleppend zwang ich mich von einer Kurzgeschichte zur nächsten, wobei es mir schwerfiel, die versprochene Liebe des Buchtitels in den meisten Geschichten wieder zu finden. Männer, die betrügen und Familien, die dysfunktional sind, sind sicherlich nicht die Protagonisten, die ich mir beim Kauf erhofft hatte.

 

Heute bin ich etwas älter und sehe die Kurzgeschichten in einem ganz anderen Licht. Was einst deprimierend und nüchtern war, ist heute authentisch und reflektiert die teils düstere Realität der Liebe und des Lebens, welche sich hinter verschlossenen Türen abspielt. Geschichten, denen ich früher nachsagte, im Nichts zu enden, bringen mich heute zum Nachdenken und zwingen mich, über potenzielle Ausgänge zu fantasieren. Grund für mein fehlendes Verständnis dieses Buches bei meiner ersten Leseerfahrung war sicherlich mein Alter gewesen, trotzdem bin ich dankbar dafür, beide Erfahrungen gemacht zu haben, sowohl positiv als auch negativ. Denn dies zeigt erst auf, wie wichtig der eigene Erlebnishorizont ist, wenn wir lesen. 

 

Mein Fehler war es auch gewesen, dass ich damals in den Kurzgeschichten die glamouröse Hollywoodliebe finden wollte, anstelle mich auf den Gedanken einzulassen, das alltägliche Liebe und das normale Leben fern ab davon existieren.

Vielleicht ist das der wahre Zauber von „What we talk about when we talk about love“. Denn um es in Carvers eigenen Worten zu sagen: „…it ought to make us feel ashamed when we talk like we know what we’re talking about when we talk about love.”

Lieblingsbuch von Cosima Rauch

15# Türchen: Fjodor Michailowitsch Dostojewski: Die Brüder Karamasow

Ich weiß nicht mehr, in welchem Film ich dieses Zitat aufgeschnappt habe, aber die recht kitschigen Worte: „man hat nur drei große Lieben im Leben“ sind dank der darauffolgenden Punch Line „und liebte sie alle drei mit neunzehn“ in traurigem Gedächtnis geblieben. Realitätsnähe bekommt dieses Zitat dennoch durch die Darstellung eines psychologischen Phänomens, das wir alle in einer Weise kennen und durchlebt haben: Die Idealisierung von vergangenem Schönem in einer Radikalität, dass präsente Ereignisse der gleichen Objektkategorie selten an das Vergangene heranreichen. Ebenso geht es mir mit Fjodor Dostojewskis Roman „Die Brüder Karamasow“. Ich las ihn mit neunzehn, in einer Zeit von sozialer Isolation, und das idealisierte Gefühl von Halt und Sinnstiftung, das ich mit dem Buch seitdem verbinde, hält bis heute unnahbar die Stellung auf Platz Eins. Die kritische Betrachtung von Staat und Gesellschaft scheint mir bis heute einzigartig genial. Und auch wenn eine erneute Lektüre das Buch wahrscheinlich von seiner idealisierten Favoritenrolle auf erreichbare Höhe herabsetzen würde, so bliebe dieser tausendseitige Coming-of-Age-Roman dennoch ein must-read.

Lieblingsbuch von Emil Gertzen

14# Türchen: Erich Maria Remarque: Der schwarze Obelisk

An sich sollte man meinen, wir hätten gar nicht so viel gemein, mit den 20 jährigen vor 100 Jahren.

Kurz nach dem Weltkrieg, die Kindheit, die Jugend, verloren irgendwo auf einem Schlachtfeld in Frankreich (nachzulesen in “Im Westen nichts Neues”), dann auch noch die schlimmste Wirtschaftskrise seit… ja, seit höchstwahrscheinlich jemals. Das sind schon andere Vorzeichen als die, unter denen wir hier 2023 in Österreich leben.

Aber als mir dieses Buch in die Hände fiel, als mir “Der schwarze Obelsik” von Erich Maria Remarque in die Hand fiel, quasi der Nach-Nachfolger von “Im Westen nichts Neues”, da dachte ich: Moment? Das kommt mir doch irgendwie bekannt vor!

Irgendwie erkenne ich mich da wieder, in dem Protagonisten, in Ludwig Bodmer, der hereingeworfen wurde, in eine Zeit, die einfach nicht die seine zu sein scheint.

Ja, irgendwie erkenne ich mich wieder, in der Hoffnungslosigkeit, dem ahnungslosen herumwandern über Lebenspfade, inmitten dieses Niemandslandes, irgendwo zwischen Jugend (langsam aber sicher komplett verblasst) und “Erwachsen- Sein” ( Nee, da fehlt mir doch noch irgendwas…?)

Auch wenn die Umstände so andere sind, so kämpft der 25-jährige Ludwig Bodmer doch mit eben diesen Problemen. Als Kind, als 16-Jähriger, musste er in den Krieg ziehen.

Wieder zurück in der Heimat, war er kein Kind mehr, aber auch noch lange kein Erwachsener, irgendwas dazwischen eben. Diese Wirrungen können einen ganz schön ratlos zurücklassen.

Als er sich später als Organist in einer psychiatrischen Klinik etwas dazuverdient, lernt Ludwig Isabelle kennen.

Für sie ist die Realität nicht so selbstverständlich, wie sie für manche erscheinen mag und dadurch kommen in ihren Gesprächen große Fragen auf, große Thesen, zu Sinn, zu Moral, zu Leben und Tod oder zur Liebe.

“Liebe kennt keine Würde". Aber ich fürchte, du könntest nicht mal pissen ohne Weltanschauung.”

 

“Der schwarze Obelisk”  hat mich berührt, zum Lachen, zum Nachdenken gebracht, wie kaum ein zweites Buch.

Remarques überragende Beobachtungsgabe, lässt ihn den Zeitgeist dieser Nachkriegsepoche nicht nur auffangen, sondern erklärt ihn, lässt ihn die Leser*in fühlen und beleuchtet ihn von einer Perspektive, die mir zumindest vorher noch relativ fremd war.

Eine ganz ganz große Empfehlung!

Lieblingsbuch von Nils Kaiser

13# Türchen: Haruki Murakami- Naokos Lächeln

Liebe, Verlust, (die Suche nach) Identität. Dies sind immer wiederkehrende Themen im Leben eines jeden Menschen. Sie stellen leere Worte dar, die wir im Laufe unserer Zeit, die wir auf der Erde verbringen, mit Bedeutung füllen, wobei jeder Mensch dies auf seine eigene Art und Weise tut. Murakami schreibt in „Naokos Lächeln“ genau über diese Themen und aufgrund seines poetischen Schreibstils sogar ziemlich gut. Es handelt von dem Leben junger Menschen, die gerade anfangen zu studieren und zum einen tragische und zum anderen schöne Schicksalsschläge erleiden. Traurigkeit und Freude gehen Hand in Hand und symbolisieren so die dünne Wand, die sie voneinander trennt. Durch den Schreibstil von Murakami nimmt man dies im Buch, jedoch nicht als etwas Endgültiges wahr, sondern als Teil vom großen Ganzen. Er schafft es dadurch sehr gut die Komplexität des menschlichen Seins zu zeigen und gibt Themen eine Bühne, die oft aufgrund von Scham oder gesellschaftlichen Normen keine Beachtung kriegen, aber fester Bestandteil unserem Leben haben.

Lieblingsbuch von Maximilian Normann

12# Türchen: Dolly Alderton- everything I know about love

‘I thought of the blissful mundanity of life; of what a privilege it was to live it’ 

Von der Obsession der bindungslosen Liebe, aus Sicht eines jungen, sehr nach den gesellschaftlichen Geschlechterstandards sozialisierten Mädchens, zur Einsicht, dass Zuneigung nicht einzig in romantischer Form zustande kommt und, dass diese auch keineswegs an der Spitze einer Hierarchie von Leidenschaft und Gefühl steht. Dolly Alderton, britische Journalistin und Autorin, begleitet ihre Leserschaft durch die Höhen und Tiefen ihrer 20er Jahre in London und Umgebung. Von Rezepten, wie Hangover Mac N‘ Cheese, unvorhergesehenen, aber auch beabsichtigten Reisen, WG-Zusammenleben, unzähligen Partnern im Zuge der hook-up culture und Eskapaden im Zuge der drinking-culture, die im Anschluss auch kritisch beleuchtet werden bis hin zur Bedeutung von vor allem gleichgeschlechtlichen Freundschaften reicht die Breite Alderton's Erzählung.

 

Alderton's Memoir gewinnt dementsprechend durch den bunt gewürfelten Haufen an Motiven und Begebenheiten Gehalt. Doch, ob man sich nun mit einem oder mehreren der im Werk enthaltenen Sujets identifizieren kann, ist letztendlich nebensächlich, denn im Kern der dargelegten Erfahrungen und Erlebnisse der Londoner Studentin steht die im Verborgenen schleichende, und offenbar bereichernde Freundschaft, die wohl den Meisten bekannt ist. Diese, appelliert Alderton, zumindest durch die Widergabe ihrer eigens erworbenen Lebenskenntnisse, gilt es zu erkennen, zu schätzen und zu pflegen.

 

Auch Alderton's Buch weist durch Sprache und Ausdruck einen freundschaftlichen Charakter auf, und erinnert an teils oberflächliche, teils tiefe Konversationen mit den Besten in einem gemütlichen Kaffeehaus.

Lieblingsbuch von Lara Schneeweiss

11# Türchen: Astrid Lindgren- Ferien auf Saltkrokan

Wer in den kalten Wintermonaten wie ich bei jedem Sonnenstrahl, der sich durch die dicken Wolken kämpft, seine winterlich-blasse Nase in Richtung Himmel reckt, und sich eigentlich nach ein bisschen Wärme sehnt, sollte in diesen kalten Tagen am besten nach Astrid Lindgrens »Ferien auf Saltkrokan« greifen.

Wer es aufschlägt, reist Melcher Melcherson, und seinen vier Kindern Malin, Johan, Niklas und Pelle auf eine schwedische Schäreninsel und erlebt mit ihnen alles, was zu guten Sommerferien gehört. 

Zur Familie gehören Melcher, der ein Chaos aus allem entstehen lässt, das er anrührt, Niklas und Johan, die mit neu gefundenen Freundinnen Abenteuer auf Land und auf See meistern, Pelle, der Wespen als Haustiere pflegt und doch am aller liebsten ein kleines Stück von Bootsmann haben würde, der Berner-Sennenhund, der jedoch zu seiner neuen Freundin Tjorven gehört, und Malin, die älteste Tochter, fast ein bisschen zur Mutterrolle für ihre drei kleinen Brüder gezwungen, die sich nicht glücklicher Schätzen könnte zwischen blühenden Bäumen, summenden Bienen, dem frischen Blau des Meers und einem ausgelassenen Mittsommerabend - wären nur die Männer auf Saltkrokan nicht so schwierig.

Manche Dinge, die auf dort passieren, werden erzählt, doch vieles erlebt man beim Lesen fast ein bisschen mit. Zum Beispiel durch Malins Tagebucheinträge, die poetisch und gefühlvoll das Leben einer jungen Erwachsenen zeigen, die interessanter nicht geschrieben sein könnten.

Malin ist eine junge Frau mit unglaublicher Hochachtung vor der Sonne und der Erde, und allem, was dazwischen liegt. Sie verliert sich in Saltkrokans Natur - solange sie nicht unterbrochen wird, etwa von Melcher, dessen Gefühlsausbrüche deutlich unkontrollierter vonstattengehen, oder von ihren Brüdern, die ihr Streiche spielen und sich um den Abwasch drücken. 

Natürlich scheint auf Saltkrokan nicht immer die Sonne, manchmal regnet es auch durchs Dach, manchmal gehen Niklas und Johan in einem Unwetter auf dem Meer verloren oder Bootsmann wird des Mordes eines Schafs bezichtigt. 

Für jedes Gefühl eine Szene, für jeden Charakterzug eine Figur. »Ferien auf Saltkrokan« ist so viel mehr als nur ein Urlaubsbuch!

Ein kleines Meisterwerk von Astrid Lindgren, zu dem ich mindestens einmal im Jahr greife, und in dem ich immer Neues entdecke. Mit sechs las ich es noch mit ganz anderen Augen als mit einundzwanzig, doch es ist und bleibt ein wunderbares Buch.

Lieblingsbuch von Malin Köhler

10# Türchen: Jack Kerouac- The Dharma Bums

Suchst du nach etwas? Wenn ja, nach was? Was treibt dich an? Welche Fragen begleiten dich durch dein Leben, von Ort zu Ort?

Jeder Mensch befindet sich auf einer Reise, einem Weg, einem Pfad durch das Leben, den nur er:sie geht. In Jack Kerouacs Roman The Dharma Bums geht es eben darum: um das Leben, das Reisen, das Suchen nach etwas. Vielleicht geht es weniger um das „etwas“, als um das Suchen, das Wandern, das In-Bewegung-Sein. Denn dieser Weg, mein Weg, dein Weg, er ist ein heiliger Weg, in dem Sinne dass er unser ur-eigener Weg der Erkenntnis ist. Nur du kannst deinen Weg gehen. Wir werden das, was eben nur wir sind. Doch wie lässt sich eine Sprache für eben jenes Werden finden, dass wir unser Leben nennen, dass nie anhält, immer und immer weiter geht, bis wir sterben (doch nicht: auch dann werden wir noch, wir wandeln uns noch, werden zu Humus, zu Kompost, zu Erde). Wie also eine Sprache für so etwas gewaltiges finden?

Die Spräche müsste lebendig sein, ein Rhythmus haben, weiter gehen, stetig weiter, sie müsste sein wie, wie, wie….. Jazz, ja Jazz: Improvisation aus dem Leben heraus, boom, Kreativität, Spontanität, sein Instrument gut beherrschen, aber dann improvisieren, swingen: Da-dam-dam-da-da-dadam-dadam.

Eine Sprache, die das Leben nicht festschreiben will, es nicht analysieren, sondern ein Ausdruck seines Pulsierens sein möchte. Eine Sprache in Bewegung: „Hopping a freight out of Los Angeles at high noon one day in late September 1955 I got on a gondola and lay down with my duffel bag under my head and my knees crossed and contemplated the clouds as we rolled north to Santa Barbara.“ (Kerouac 2018, S. 3).

So beginnt The Dharma Bums und das gibt vielleicht einen kleinen Einblick in die Sprache, die Jack Kerouac  für sein leben und sein schreiben findet; auf mich wirkt sie elektrisierend. Kerouacs Bücher sind immer autofiktional, das bedeutet sie vermischen autobiographisches mit Fiktion. In diesem Buch geht es um Kerouacs Freundschaft zum den amerikanischen Dichter Gary Snyder (im Roman unter dem Namen: Japhy Ryder); es geht um Freundschaft, um Einsamkeit, um Zen, ums Unterwegs-sein, ums Bergsteigen, Liebe zur Natur und den alten chinesischen Poeten Han-Shan. Und auch wenn Kerouac menschlich sicherlich ein schwieriger Typ war und seine Darstellungen von weiblichen und queeren Personen unbedingt kritisch zu lesen sind, macht es Spaß ihn zu lesen. Aus Jack Kerouacs Büchern komme ich immer wieder mit einer neuen Begeisterung für die Literatur, das Schreiben und das Leben, ja verdammt, einer neuen Begeisterung das Leben heraus.

Lieblingsbuch von Carl Strunz

9# Türchen: Bernhard Schlick- Abschiedsfarben

Wie gehst du mit Verlust um? Wie fühlt es sich an, von Menschen Abschied zu nehmen?

Diesen Themen, die normalerweise im Alltag und in unserem Kopf wenig Platz finden, schenkt Bernhard Schlink in seinem Buch „Abschiedsfarben“ genau das richtige Maß an Aufmerksamkeit. In neun Geschichten wird den Lesenden gezeigt, wie fassettenreich Abschiednehmen sein kann, dass dieses nicht immer mit Trauer verbunden sein muss und wie unterschiedlich Menschen mit dem Verlust ihrer Geliebten umgehen. Das Buch stürzt die Lesenden keines Wegs in tiefe Bedrücktheit. Es bietet ihnen stattdessen die Möglichkeit, diese emotionale Angelegenheit von einem anderen Standpunkt aus zu betrachten.

Auf die einzelnen Geschichten muss man sich anfangs erst einmal einlassen. Schlink führt die Lesenden rasch in die jeweiligen Geschichten ein, sodass man sich eingangs zunächst orientierten muss. Doch schnell merkt man beim Lesen, wie verbunden man sich mit den einzelnen Figuren fühlt. Man beginnt sich zu fragen: „Wie hätte ich gehandelt?“ „Was hätte ich vielleicht anders gemacht?“ „Wie würde ich mit dieser Situation umgehen?“

Die fiktiven Geschichten und Figuren schaffen es, die Lesenden in ihrem Innersten zu treffen. Um den emotionalsten Punkt des eigenen Selbst herum entsteht ein Raum, in welchem dieses Thema sich frei entfalten kann und nicht länger unterdrückt wird. Wie man selbst mit diesem Raum umgeht, ist natürlich individuell. Jedoch schafft es Schlink, dass dieser sich weder ausschließlich negativ, noch positiv gestaltet, da die einzelnen Geschichten denselben Gegenstand aus verschiedensten Perspektiven zeigen.

Ich kann dieses Buch wirklich allen empfehlen – egal ob man gerade eine schwere Zeit durchmacht oder nicht. Jede und jeder von uns wird schon mal die Erfahrung gemacht zu haben, Abschied nehmen zu müssen. Und gerade, weil dieses Thema so emotional ist, sollten wir uns selbst etwas Gutes tun und uns damit auseinandersetzen, um nicht im schlimmsten Fall daran zu zerbrechen.

Lieblingsbuch von Sophie Simon

8# Türchen: Immanuel Kant- Kritik der reinen Vernunft

Eine Errungenschaft der Postmoderne ist die Auflösung der Unterscheidung zwischen Hochkultur und Unterhaltung, zwischen Wissenschaft und Kunst. So ist es jetzt möglich Kants 700 Seiten der „Kritik der reinen Vernunft“ als Sonntagslektüre zu lesen. Und wahrlich, was für ein Vergnügen! Während ich mir die transzendentale Elementarlehre zu Gemüte führe, esse ich vergnügt ein Nutellatoast. Ich lese den Text quer und achte weniger auf den Inhalt als auf die Sprache. Der Inhalt ist ja nicht so bekömmlich, sei, so sagt man, weniger verdaulich, mitunter sogar unverständlich. Aber unter dem Standpunkt der Sprache wird das Werk zugänglich. Die Sprache, ohh welch Sprache!

Während ich Toastkrümmel zwischen die Paralogismen der reinen Vernunft streue komme ich zum Schluss, dass Kant wohl ein Anhänger des Absurden und Grotesken gewesen sein musste. Wer hätte sonst kilometerlange Sätze und Anachronismen, deren Unzeitgemäßheit bloß noch von gewissen Regelungen der französischen Bahngewerkschaften übertroffen werden, verfassen können? Becket und Ionesco müssen zweifelsohne von Kant ergriffen gewesen sein, als sie „Warten auf Godot“ und „Rhinoceros“ geschrieben haben. Und auch bei Jelinek dürfte sich eine gewisse Kant-Affinität verstecken, wenn sie in ihren Zeilen immer und immer wieder die gleiche Scheusslichkeit weiderholt, bei Bernhard sowieso.

Die Frühstücklektüre von Kants „Kritik der reinen Vernunft“ ist äußerst aufschlussreich, so verstehe ich jetzt mehr von den Zusammenhänge der Dichtung und weiß, in welchem Umfang Kant die moderne Sprache beeinflusste. Wenn nicht im Guten, so im Schlechten!

Lieblingsbuch von Raphael Stüdeli

7# Türchen: Gustave Flaubert- Madame Bovary

When you take the romanticizing your life concept ad litteram: Die Frage ist nicht, ob du bováric bist, sondern inwiefern du bováric bist.

Emma Bovary ist heutiger Kitsch, selbstgemachtes Opfer sensationeller Langweile, consumerism at its finest und endlich ein Spiegel dieses Jahrhunderts Liebeslebens. Vorsicht: hier handelt es sich um eine literarische Trope, die zu viele reale Ereignisse inspiriert hat. Sei nicht das nächste Opfer!

Wenn du mit Disney-Prinzessinnen, Happy-Ending-Geschichten, Prinzen in strahlender Rüstung, ich muss abwarten und gerettet sein-Syndrome aufgezogen bist, ist die Gegenüberstellung mit der Realität eher dramatisch: Du fällst ins Schwarze Loch der unerfüllten Erwartungen. Selbstliebe war kein Hauptthema in solchen Filmen und erst später wurden Prinzessinnen Brave, selbstbewusster oder zumindest (scheinbar) unabhängig. Ich habe 32-mal Arielle, die Meerjungfrau aus dem Jahr 1989 angeschaut, obwohl meine Mutter verwirrt war, was nach dem dreißigsten Mal noch so interessant sein könnte. Meine eigenartige Manie dafür benötigt keine philosophische Erklärung: es war einfach schön – die Bilder, die Geschichte, die catchy Lieder. Aber wenn solche Fantasiewelten zu ernst genommen werden, nähern wir uns dem Emma-Bovary-Syndrom. Die von ihr gelesenen Liebesromane sind wie Instagram-Posts: Wir nehmen das Künstliche als unmittelbare Realität wahr – dann overthink und think...over.

…she was waiting in her heart for something to happen.

Literarische Klischees fördern die substituierte Gegenwart: stell dir mal vor, romantische Netflix-Filme sind dein absolutes Lebensideal und alles muss so verlaufen, sonst würdest du eine epochale Traurigkeit erleben. Kitschromane, Shopping-Zeitschriften, pharmazeutische Bücher machen Emmas Vorstellungen artifiziell und betonen zwei Welten, in denen sie physisch, zugleich aber psychisch getrennt lebt: provinzielle Stadt, Unzufriedenheit in der Ehe, Langeweile, Banalität versus Passion, abenteuerliche Erlebnisse, Luxus, intoxicating love. Als die reale Welt sich zu eng fühlte, wurde die andere tiefer gelebt. Mit Charles Bovary verheiratet in der Hoffnung auf eine phänomenale Liebe neigt Emma, mit einem Hintergrund zerstörter Erwartungen zum Ehebruch. Leider ist Ehebruch genauso banal wie Ehe. Romance und grand passion sind Verzicht und Ablehnung: Affäre mit einem wohlhabenden Gutsbesitzer und Frauenheld namens Rodolphe Boulanger, und anschließend mit Léon Dupois, einem jungen Jurastudenten, der ihre Sehnsucht nach prachtvollen Landschaften, Musik und romantischer Literatur teilt. Aber das genügt nicht. Wahnvorstellungen gewinnen. Das ist wie eine hypothetische Fortsetzung der Lyrik if I was a rich girl, die lautet: I would dream about being a rich girl.

Emma Bovary ist ein selbstgemachtes Produkt ihrer eigenen Vorstellungskraft: sie konsumiert exklusiv Verlangen, Leiden und Illusionen und wird zu einer kommerziellen Form der Selbstästhetisierung. Sie versucht, Luxus in ihrem banalen Leben zu spiegeln, aber Schulden und Vertiefung der grauen Gegenwart sind einzige Auswirkungen. Liebe um der Liebe willen rettet niemanden; sie verurteilt eher und doch wird durch Emma Bovary ein großes Plus ins Spiel gesetzt: Die literarischen Analogien erblühen – Othello macht sich selbst durch Drama & Ästhetik der Einstellung zu einer pathetischen Figur; Anna Karenina ist ihre Leidensgenossin, und beide bringen uns ein Beispiel dafür, what not to expect, when you are expecting too much.

Did not love, like Indian plants, need a special soil, a special temperature?

Wenn dein Lebenszustand slow death-in-life ist, braucht Liebe andere Geschichten, nicht eine angemessene Landschaft. Am Ende triumphiert Selbstmord, als Selbstgratulation des Misserfolgs, die Realität durch Illusion zu ersetzen.

Liebe ist eines der umstrittensten Themen der Literatur und der Anderen: hier geht es darum, wie man mit Liebe koexistiert, ob sie wirklich hinter Luxus und persönlichen Idealen existiert, ob sie geistlich spürbar ist oder bereits unter consumerism und unwichtigen Kleinigkeiten verloren gegangen ist. Braucht Liebe Google Maps? Die Ästhetisierung und Romantisierung des Lebens als selbstbewusster künstlicher Prozess führen nicht nur in literarischen Welten, sondern auch in diesem Jahrhundert zu einer Vernarbung des Herzens, der Gefühle, der authentischen Emotionen. Fühlen wir noch etwas, oder leben wir in der Tugend der Geschichte? Liebe verkauft sich. Und trotz allem ist modern love etwas, was Emma Bovary & Co niemals hätten haben können. Lass uns die Antimodelle umarmen und mit ihrem Selbstmord in Ruhe lassen. Ein bisschen Disney-Spirit, rom-com ab und zu, Tinder-Prinzen und romantische Reels auf Instagram reichen für uns aus.

Lieblingsbuch von Malina Curpan

6# Türchen: Patrick Süskind - Die Taube

Jonathan Noel ist bereits über 50 Jahre alt, als sein Leben von einem Tag zum andern durch ein unbehagliches Ereignis schlagartig auf den Kopf gestellt wird. Eine Taube erscheint auf seiner Türschwelle. Auf knapp 100 Seiten beschreibt Süskind, wie dieses eine Ereignis Jonathans inneres Gleichgewicht erschüttert, seine äußere Lebensordnung durcheinander wirft und ihn doch zum Schluss etwas finden lässt, was er nicht für möglich gehalten hatte.

Lieblingsbuch von Lotti

5# Türchen: Şeyda Kurt - Radikale Zärtlichkeit, warum Liebe politisch ist

Şeyda Kurt, Journalistin und Autorin, schreibt in ihrem Buch „Radikale Zärtlichkeit“ über zwischenmenschliche Beziehungen in Zusammenhang mit struktureller Gewalt. Sie analysiert, inwiefern politische Dimensionen, wie zum Beispiel Rassismus, Sexismus und Kapitalismus, Einfluss auf unsere Beziehungen haben und nicht vom „Privaten“ abgegrenzt werden können. Sie skizziert Utopien und auch konkrete Vorstellungen, wie wir Beziehungen gestalten können und normative Vorstellungen von Liebe aufbrechen können, um besser füreinander sorgen zu können. Das Buch bringt einen dazu, über die eigenen Verhältnisse zu anderen Menschen nachzudenken und regt an, Dimensionen von Care kollektiver zu gestalten, was auch die Grundlage für größere politische Veränderungen sein kann. Es wird an ein radikales Umdenken von Beziehungen appelliert und liefert schöne Anregungen wie wir besser, gerechter und radikal zärtlicher miteinander umgehen können. 

Lieblingsbuch von Hannah Treu

4# Türchen: Johann Wolfgang von Goethe — Die Leiden des jungen Werther

Als erster Bestseller der deutschen Literatur gehört der Briefroman des jungen Goethe natürlich zum heutigen Kanon, doch wird immer wieder in die Zwangsjacke der schulischen Pflichtlektüre gesteckt. Der „Werther” kann jedoch mehr sein, als nur ein plumper Schlüsselroman des Sturm und Drang, das Büchlein kann beispielsweise ein Freund sein, wie es Goethe in einem später hinzugefügtem Vorwort schreibt.

Die Lektüre des schmalen Werkes ist intensiv. Mit seinen Briefen wird Werther zum Autor gemacht, jeder einzelne davon ist ein Bekenntnis, wodurch ein intimes Verhältnis zwischen Leser*in und Autor entsteht. Durch die Mimesis der Mündlichkeit in den Texten wird zusätzlich eine Unmittelbarkeit verstärkt. Die Leerstellen, die durch die zeitlich begrenzte und einseitige Berichterstattung entstehen, werden durch individuelle Eindrücke und Erlebnisse der lesenden Person gefüllt, wodurch ein sehr persönlicher Bezug zum Buch forciert wird. Die Grenzen zwischen Literatur und Leben werden dadurch  porös.

Auch wenn der Werther aus einer Zeit stammt, in der sich ein Mann vor allem in die mütterlichen Attribute einer Frau verliebt, steht dort doch eben nur das Gefühl im Vordergrund, mit dem wohl ein jeder Mensch etwas anfangen kann. Im Narrativ des Nacheinander begleitet man den Protagonisten durch einen, wie der Titel es schon benennt, Leidensprozess und dem damit zusammenhängenden Wunsch nach Auflösung. Der Thematik der Depression wird hier unüblicherweise viel Raum eingeräumt und erstmals auf eine Höhe mit anderen Krankheiten gehoben. Das Selbstmordmotiv ist Merkmal der Textstruktur und zieht sich somit als roter Faden durch den gesamten Roman, also: Triggerwarnung. Neben dem ganzen Empfindungschaos werden aber auch über andere Themen wie Autorschaft, Künstlertum und die Beziehung zwischen Mensch und Natur reflektiert. Schlicht geht es um das Erleben des Erlebens, dem Begehren des Begehrens und natürlich um das Leiden.

Dabei wird eine Bandbreite an intertextuellen Bezügen eingewebt, die sich aus unterschiedlichsten Facetten bedienen. Wie die Bücher im Werk Werthers ständige Wegbegleiter sind, kann der Briefroman im echten Leben ebenso begleitend sein. Denn der „Werther“ ist vielseitig, er kann als Öffnung für literarische Kommunikation verstanden werden, ist durch inhaltliche und physische Zartheit Wiederholungslektüre und durchaus aktuell. Das Kasseler Staatstheater inszenierte 2018 „Die Leiden des jungen Werther“ im Kontext des Hier und Jetzt, was erstaunlich gut funktionierte. Für charakteristisch zitierte Werke wurden zeitgenössische Pendants gefunden, während der Text jedoch im Ursprung des Originals belassen wurde, das trotz vergangenen Jahrhunderten ein stimmiges Bild abgab. Auf alle Fälle wird der Werther in dem Bezug immer aktuell bleiben, dass der Konflikt von Innen und Außen des Menschen niemals nicht existieren wird. 

Lieblingsbuch von Merle Proll

3# Türchen: Édouard Louis — Zu Das Ende von Eddy

Im Flur fragten sie mich, wer ich sei, ob ich wirklich Bellegueule sei, über den alle reden. Sie stellten mir jene Frage, die ich mir dann selbst stellte, monate-, jahrelang,

Bist du der Schwule?

Indem sie die Frage aussprachen, schrieben sie sie mir ein, für immer, wie ein Stigma, jene Male, die die Griechen mit rotglühendem Eisen oder Messern den Körpern von Menschen beibrachten, die aus der Reihe tanzten, die für die Gemeinschaft gefährlich waren. Unmöglich, mich davon zu befreien. Ein Gefühl der Überraschung durchfuhr mich, dabei war es nicht das erste Mal, dass ich das gesagt bekam. Aber an das Schmähwort gewöhnt man sich nie.

Édouard Louis — Das Ende von Eddy (S. 13) 

Édouard Louis wird 1992 in einem Dorf in der Picardie in Nordfrankreich geboren. Seine Familie lebt an der Armutsgrenze. Gewalt prägt die Kindheit von Louis so sehr, dass er keine einzige glückliche Erinnerung mehr an diese hat. Édouard Louis ist schwul. Später veröffentlicht Louis seinen ersten autobiographischen Roman, Das Ende von Eddy. Er erzählt darin von seiner Kindheit in der Picardie, seiner Familie und der erfahrenen Gewalt als schwuler Junge. Welche Erfahrungen machen homosexuelle Männer und warum machen sie diese?

Von Heterosexuellen bestimmt, gilt Heterosexualität als die natürliche und legitim vorherrschende sexuelle Orientierung. Zur Übernahme der Wahrnehmung der sozialen Welt der Heterosexuellen gehört für Homosexuelle auch die Anerkennung ihrer vermeintlichen Andersartigkeit. Homosexuelle beteiligen sich also an jener kollektiven Kategorisierungsarbeit, die sie schließlich in stigmatisierte soziale Gruppen drängt. Mit dem Bekenntnis Ich bin schwul bekennen sich Homosexuelle ihrer Andersartigkeit und anerkennen damit aktiv ihre Unterwerfung. In seinem Roman erzählt Édouard Louis von derartigen Begegnungen, in denen er Opfer jener kollektiven Kategorisierungsarbeit wurde. Louis bekennt sich zwar, zumindest nach seinen Erzählungen in Das Ende von Eddy, nie zu seiner Homosexualität, aber er wird von Heterosexuellen gedrängt dies zu tun.

Homosexuelle schämen sich für ihre sexuelle Orientierung und wollen unsichtbar werden, das heißt sie bekennen sich oftmals gar nicht erst zu ihrer sexuellen Orientierung.

Besonders Verwendung von homophobem Vokabular zeigt par excellence die Auswirkungen von Gewalt in der lebensweltlichen Realität Homosexueller. Durch deren Verwendung, auch wenn es eine Verwendung zum Schein und zum Selbstschutz ist, anerkennen Homosexuelle diese als homophob und unterwerfen sich mit dieser Anerkennung. Diejenigen also, die einen spezifische homosexuelle Verhaltensweise ausgebildet haben. Édouard Louis schildert derartige Szene. Der junge Eddy beginnt, genau wie es Heterosexuelle tun, sich über Homosexuelle lustig zu machen und ihnen Spottnamen zu zurufen. Weiter beschreibt er, wie seine Eltern, um jeden Willen, einer solchen Demütigung aus dem Weg gehen wollen. Den Eltern Louis‘ geht es dabei weniger um die Demütigungen, die ihr Sohn erfahren könnte, als vielmehr um die Demütigungen, die ihnen zuteil werden könnten

Eddy ist hilflos angesichts der ihm zum Teil werdenden Beleidigung und zahlreicher weitere Ausbrüchen von Gewalt. Es ist das Nichtwissen, wie sich in einem derartigen Moment verhalten werden soll, das Betroffene hilflos werden lässt. Darüber hinaus ist die Hilflosigkeit in derartigen Momenten sinnbildlich für die Hilflosigkeit von Homosexuellen, wie sie sich innerhalb der bestehenden symbolischen Ordnung positionieren sollen.

Lieblingsbuch von Jonathan Uchmann

2# Türchen: Milan Kundera - Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins

Es ist schon lange her, dass ich „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ gelesen habe. Aber warum ich es als meine Empfehlung für den Bohema-Literaturadventskalender ausgewählt habe, ist mir schnell wieder eingefallen. Man liest den Roman und fühlt sich um 10 Prozent inspirierter. Inspiriert von der Wahl der Wörter Kunderas. Poetisch beschreibt er das einfache Leben von Thomas und seiner Lebensgefährtin Theresa. Zeitlich spielt die Szene in den 60er Jahren in Prag. Die Forderung nach einem Sozialismus mit menschlichem Antlitz lassen auch Thomas und Teresa Teil des Prager Frühlings werden. Revolution in der Gesellschaft, aber auch in der Liebe wird im Roman beschrieben. Der Protagonist Thomas ist ein Frauenheld, der selbst nicht weiß, wie er mit Liebe und Frauen umgehen soll. Theresa ist naiv und einsam in ihrer Beziehung, aber kann das Konzept Zweisamkeit nicht hinter sich lassen. Die Beziehung ist wie vieles in den Leben beider zum Scheitern verurteilt, aber letztendlich auf eine komische Art und Weise beständig, fast so wie das Schicksal unser aller Lebens. So einfach und zugleich so schwer. Ach ok, ich höre auf zu versuchen, das Leben und das Buch verstanden zu haben und euch zu “mansplainen”. Ich kann es dir/euch/ oder wie auch immer nur ans Herz legen „ Die unerträgliche Leichtigkeit des seins“ zu besorgen und zu lesen. Mögest auch du/ihr/oder wie auch immer von dem schönen Stil inspiriert werden...

 

„Die Geschichte ist genauso leicht wie ein einzelnes Menschenleben, unerträglich leicht, leicht wie Federn, wie aufgewirbelter Staub, wie etwas, das morgen nicht mehr sein wird.“

Lieblingsbuch von Stephanie Grechenig

1# Türchen: Mariana Leky - Was man von hier aus sehen kann

Wie man mit dieser Pflicht umgeht und wie man es schafft, mehr Welt in seine eigene hineinzulassen, erzählt Mariana Leky in „Was man von hier aus sehen kann.“  Es geht um die Liebe und um den Tod, um einen Mönch namens Frederik, einen riesengroßen Hund namens Alaska und um Absurditäten im Banalen.

 

Wenn Selma von einem Okapi träumt, dann stirbt jemand in dem kleinen Dorf im Westerwald. Das ist schon mehrmals der Fall gewesen. Daher glauben es sogar diejenigen, die nicht abergläubisch sind oder das nicht zugeben wollen. Wen es erfahrungsgemäß in den 24 Stunden erwischen wird, das weiß keiner. Selma ist Luises Großmutter, Luise die Protagonistin in „Was man von hier aus sehen kann.“ Es wird aus ihrer Perspektive erzählt, beginnt, wenn sie zehn Jahre alt ist und endet, wenn sie 35 ist.

 

„Was man von hier aus sehen kann“ fühlt sich an wie eine lange Umarmung, wie eine große Tasse Tee oder ein kurzer Urlaub vom eigenen Leben. Der Schreibstil ist verspielt und lässt nicht selten die Grenze zum magischen Realismus verschwimmen. Man muss damit warm werden und es rst mit Sicherheit nicht für jeden etwas. Man sollte aber nicht nach fünf Seiten das Buch weglegen, sondern es zumindest ein bisschen mehr Zeit geben.

Es gibt im Buch so viele melancholisch-schöne Momente, bei denen einem gleichzeitig leicht und schwer um das Herz wird. Manchmal ist es vielleicht ein bisschen kitschig, aber es ist ein schöner Kitsch, zumindest in meinen Augen. Die Gefühle duseln nicht, sie werden auch nicht pathologisiert, sie sind einfach da: „Jetzt sind wir ganz allein“, sagte ich. Der Optiker legte seinen Arm um mich und zog mich näher zu sich heran. „Keiner ist alleine, solange er noch wir sagen kann“, flüsterte er.“ Von Dialogen und Sätzen wie diesem fehlt es dem Buch auf keinen Fall. Wer aber auf der Suche nach einem starken Plot sucht, wird hier wahrscheinlich enttäuscht. Es lebt von den Charakteren, die alle sehr typisch für Mariana Leky sind. Ein wenig skurril, ein bisschen eigentümlich aber alle auf ihre eigene Art liebenswert. Am Ende möchte man sie gar nicht mehr loslassen.

 

„Was man von hier aus sehen kann“ macht sich gut unter dem Christbaum, als Geburtstagsgeschenk oder auch einfach nur mal so. Das Hörbuch wird von Sandra Hüller gelesen und ist auch sehr zu empfehlen

Lieblingsbuch von Clarissa Donati

Bohema Bohemowski

A collective mind of Bohema magazine

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